Sie müssen sich für Ihre Technik nicht entschuldigen

Über das ruhige Lernen ohne schlechtes Gewissen.

Mir fällt etwas auf, wenn Menschen in den Fünfzigern, Sechzigern oder Siebzigern über ihren Umgang mit Technik sprechen.

Sie entschuldigen sich.

Sie sagen Sätze wie „Ach, ich bin nicht so der Computer-Mensch“, oder „Mein Sohn richtet mir das immer ein“, oder „Ich weiß, ich müsste mich da längst mal richtig hineingedacht haben“. Manchmal sagen sie es mit einem Lächeln, manchmal mit einem leisen Seufzer. Aber sie sagen es.

Damit meinen sie selten ein einzelnes Gerät. Sie meinen ihren ganzen Umgang mit der digitalen Welt – das Smartphone, das sie nutzen, ohne genau zu wissen, was im Hintergrund passiert. Die Cloud, in der ihre Fotos liegen, ohne dass sie diese je „gesehen“ haben. Den Mail-Anbieter, den sie seit fünfzehn Jahren benutzen, ohne sich sicher zu sein, ob das eigentlich noch der richtige ist.

Sie kommen aus einer Welt, in der ihnen überall jemand sagt, was sie alles wissen müssten. Die Zeitungsbeilage über digitale Souveränität. Der gut gemeinte Hinweis vom jüngeren Kollegen, dass „man heute eigentlich“ dies oder jenes nutze. Die Sicherheitswarnung im Fernsehen, die suggeriert, dass jeder zweite Klick eine Falle sein könnte.

Wer viel liest und viel hört, findet immer jemanden, der gerade das kritisiert, was man selbst gewählt hat. Das ist keine Boshaftigkeit. Das ist normale Informationsvielfalt. Aber die Wirkung auf den einzelnen Menschen, der nebenbei noch ein Leben führt, ist deutlich: Selbstzweifel.

Menschen, die seit vierzig oder fünfzig Jahren arbeiten, Familien groß­ gezogen haben, ihren Beruf gemeistert haben – sitzen am Küchentisch und klingen wie Schüler, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben.

Das ist falsch. Und ich finde, dabei sollte man nicht stehen bleiben.

Sie haben das Recht, da zu stehen, wo Sie stehen

Wenn Sie heute ein Smartphone benutzen, eine E-Mail-Adresse haben und gelegentlich etwas online nachschlagen, dann sind Sie längst Teil der digitalen Welt. Sie sind nicht „zurückgeblieben“. Sie haben sich nur entschieden, nicht jede neue Welle mitzureiten – und das war oft die klügere Entscheidung.

Wer in den neunziger Jahren mit dem ersten Computer angefangen hat, hat seitdem WordPerfect, Netscape, ICQ, das StudiVZ, Picasa, Windows Vista, den iPod, den BlackBerry und noch ein paar andere Dinge kommen und gehen sehen. Die meisten waren ihre Lernkurve nicht wert. Wer sie ausgelassen hat, hat nichts verpasst.

Was Sie heute nutzen – Ihr Mail-Programm, Ihre Foto-Ablage, Ihr Online- Banking – ist das Ergebnis Ihrer eigenen Auswahl über Jahrzehnte. Das ist Ihre Realität. Sie ist erst einmal in Ordnung.

Verstehen darf langsam gehen

Hinter dem, was ich hier schreibe, steht ein Gedanke, der mir wichtig ist:

Verstehen darf in kleinen Schritten geschehen.

Sie müssen nicht „die digitale Welt“ begreifen. Sie müssen heute vielleicht nur verstehen, was das @-Zeichen in Ihrer E-Mail-Adresse bedeutet. Nächste Woche, was eine Datei eigentlich ist. Übernächste, warum man bei einem Anhang vorsichtig sein sollte, der „Rechnung_dringend.pdf“ heißt.

Jedes dieser Stücke wirkt für sich allein klein. Zusammen ergeben sie nach einem halben Jahr eine deutlich entspanntere Beziehung zu Ihrem Gerät. Ohne dass irgendwer den großen Wurf gemacht hat. Ohne dass Sie sich plötzlich „auskennen“ müssen.

Was Sie von diesen Seiten erwarten können

Drei einfache Dinge.

Ich erkläre, bevor ich voraussetze. Wenn ich auf einen Begriff stoße, der nicht selbstverständlich ist, schreibe ich nicht „wie Sie sicher wissen“. Ich erkläre ihn.

Ich bewerte nicht, was Sie heute nutzen. Wenn Sie mit Outlook arbeiten, ist das gut. Wenn Sie mit Apple Mail arbeiten, ist das auch gut. Wenn Sie noch eine Yahoo-Mail-Adresse von 2005 haben, dann reden wir darüber, was dabei zu beachten ist – nicht darüber, dass Sie längst hätten wechseln müssen.

Ich denke in kleinen Schritten. Sie müssen nichts „umstellen“ und nichts „lernen“. Sie können einen Artikel lesen, wenn Sie Zeit haben, ihn verstehen oder zur Seite legen. Es gibt keine Prüfung am Ende.

Schluss

Wer respektiert wird, kann Neues zulassen. Wer bewertet wird, macht zu. Das ist mein Verständnis vom Erklären. Nicht schnell. Nicht alles auf einmal. Aber so, dass Sie sich am Ende eines Textes nicht dumm fühlen, sondern ein bisschen mehr zu Hause in einer Welt, die sich oft unnötig fremd anfühlt.

Und wenn Sie sich beim nächsten Mal dabei ertappen, wie Sie sich für Ihren Umgang mit Technik entschuldigen wollen: Lassen Sie es. Es gibt nichts, wofür Sie sich entschuldigen müssten.

Über DerBoomer.com

DerBoomer.com ist ein Online-Magazin mit gelassener Neugier für die Generation Babyboomer. Wir schreiben über Literatur und Kultur, Reisen, Gesundheit und Ernährung, Technik leicht gemacht und gesellschaftliche Beobachtungen am Wegesrand – kritisch, gelegentlich ironisch, immer ohne Schubladendenken. Hinter dem Magazin stehen Matthias Alexander Wolf, Andrea Wolf van Wijk und Marcel Rubner. Wer mehr über die Idee dahinter lesen möchte, findet sie unter „Boomer – mehr als ein Etikett“.