
Rudolf Rach
Der dritte Blick
Zurück in Deutschland – Erinnerungen und Einsichten
Ein Leben mit und zwischen Kulturen: Die Rückschau eines unabhängigen Geistes
Es gibt Bücher, die man nicht einfach liest. Man lauscht der ruhigen Stimme eines weitgereisten, klugen Gesprächspartners. Rudolf Rachs neues Werk Der dritte Blick: Zurück in Deutschland – Erinnerungen und Einsichten ist ein solches Buch. In einer Zeit, die oft von moralischer Gewissheit und schnellen Urteilen geprägt ist, liefert Rach ein erfrischendes Gegenmittel: die reflektierte, unaufgeregte und tiefgründige Beobachtung eines Mannes, der ein langes, bewegtes Leben im Kulturbetrieb hinter sich hat.
Mit seinen 89 kurzen Kapiteln – selten länger als drei oder vier Seiten – wählt der Autor ein Format, das der flüchtigen Natur von Erinnerungen und plötzlichen Einsichten gerecht wird. Es sind literarische Miniaturen, in denen Dinge aufblitzen, die ihm aus der Vergangenheit wieder einfallen oder die ihm in der Gegenwart „merk-würdig“ erscheinen.
Die Freiheit der Distanz und des Alters
Was dieses Buch besonders macht, ist die Perspektive des Autors. Rudolf Rach, der wenige Tage nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs geboren wurde, blickt auf die deutsche Geschichte der letzten hundert Jahre nicht aus der bequemen Distanz der Nachgeborenen, sondern als Zeitzeuge. Er hat den größten Teil dieser historischen Spanne selbst miterlebt. Dementsprechend ist sein Blick auf die Zeitgeschichte wohltuend frei von jener wohlfeilen moralischen Überheblichkeit, die heute oft anzutreffen ist. Rach weiß aus eigener Anschauung: „Viele moralische Positionen sind relativ und hängen von den geschichtlichen Umständen ab. Von heilsamen Zweifeln ist zumeist keine Rede“ (S. 257).
Diese intellektuelle Unabhängigkeit speist sich aus zwei wesentlichen Quellen. Zum einen aus seinem Alter: Im neunten Lebensjahrzehnt muss Rach niemandem mehr etwas beweisen. Er ist frei von dem Zwang, aktuellen Moden oder Strömungen des Zeitgeistes anzuhängen. Zum anderen aus seiner Biographie: Rach hat dreißig Jahre lang in Frankreich gelebt. Er war dort nicht Gast, sondern hat sich als selbständiger Verleger und Unternehmer auf dem freien Markt und in der Kulturszene behauptet. Dieser „Blick von außen“ schärft den Verstand und ermöglicht eine differenzierte Sicht auf das eigene Herkunftsland.
Liebe, Leid und das Verhältnis zu Deutschland
Es ist eine in deutschen Kulturkreisen fast schon ungewöhnliche Haltung, die Rach einnimmt: Er bekennt sich zu seinem Herkunftsland. Er schreibt vom „Leiden an Deutschland“. Nun weiß man hierzulande aus alter Überlieferung, dass Liebe und Leid zusammengehören. Wer daraus folgert, Rach stehe seinem Heimatland – vorsichtig ausgedrückt – mit positiven Gefühlen gegenüber, dürfte nicht falsch liegen. Auch dies ist eine bemerkenswerte Haltung, in Deutschland bei Kulturschaffenden seit über einem halben Jahrhundert eher die Ausnahme als die Regel.
Wie tief diese Verbundenheit ist, zeigt sich in seinen Erinnerungen an die Zeit in Frankreich. Rach beschreibt eindringlich, wie ihn Berichte aus Deutschland stets elektrisierten: „Wenn sich in einer Überschrift ein Hinweis auf Deutschland befand, las ich den Artikel vor allen anderen. Immer mit der bangen Hoffnung, dass er nichts Negatives enthalte […]“(S. 23). Diese emotionale Verstrickung trotz räumlicher Distanz zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch.
Provokante Einsichten und scharfe Gegenwartsanalyse
Rach scheut sich nicht, unbequeme Vergleiche zu ziehen. Besonders eindrücklich ist seine Reflexion über die Nachkriegszeit, die er dem heutigen, überregulierten Deutschland gegenüberstellt: „Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg waren bei weitem lebendiger, als die Fotos mit den Trümmerbergen erzählen […]. Zwischen den Trümmerbergen ging es entschieden freier zu als auf den mit Schildern übersäten, mit Verboten und Anweisungen voll gepinselten Straßen unserer Städte. Der große Zusammenbruch war auch eine Befreiung“ (S. 14). Es ist diese Art von unkonventionellem Denken, die den Leser immer wieder innehalten lässt.
Auch die mediale Gegenwart wird von Rach mit spitzer Feder seziert. Die öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkanäle bezeichnet er treffend als „Erhabenheitsbühne“ und „Betroffenen-Altar“. Mit treffsicherer Ironie stellt er fest, dass breite Flachbildschirme heute die Altarbilder verdrängt haben und beim Inhalt der Nachrichten eine „laizistische Unfehlbarkeit“ die klerikale ersetzt hat (S. 35 f.).
Politik, Kultur und das Zwischenmenschliche
Neben gesellschaftlichen Analysen bietet Der dritte Blick auch faszinierende Anekdoten aus der Welt der Politik und Kultur.
Muss man sich noch über Charakter, Macht- und Politikverständnis der beiden Beteiligten den Kopf zerbrechen, wenn man sich die folgende Szene der berühmten Begegnung zwischen Angela Merkel und Wladimir Putin im Jahr 2007 in Erinnerung ruft? Putin weiß, dass Merkel Angst vor Hunden hat. Er empfängt sie zu einer Besprechung und bringt seinen schwarzen Labrador mit; eine klare Provokation und ein Machtspiel. Rach beschreibt das wie folgt:
„Da sitzt sie mit spitzem Mündchen auf einem Sofa, die übergeschlagenen Beine ängstlich angezogen, […]. So bedeutete der grinsende Präsident der deutschen Kanzlerin, was er unter Politik versteht. Während Merkel sich in Diplomatie übt und die Selbsttäuschung bis zum bitteren Ende treibt“ (S. 105).
Doch das Buch glänzt nicht nur im Politischen, sondern auch im Privaten. In Gesprächen mit einem Pater ergründet Rach ethische Zusammenhänge (S. 65 f.). Er beklagt das Zerbrechen von Freundschaften aufgrund unterschiedlicher politischer Auffassungen und spricht sogar vom Scheitern seiner ersten Ehe sowie dem gebrochenen Verhältnis zu seinem Sohn (S. 77 ff.). Das lässt den Autor sehr nahbar erscheinen. Er wahrt aber stets die literarische und emotionale Balance. Es geht ihm um das Übergreifende, das Allgemeingültige menschlicher Erfahrung – und nicht um persönliche Befindlichkeiten oder eine autobiographische Selbstrechtfertigung. Darin unterscheidet sich dieses Buch angenehm von vieler heute gängigen Literatur.
Darüber hinaus streut Rach immer wieder amüsante und aufschlussreiche Anekdoten über Charaktere aus der Kunst-, Verlags- und Kulturszene ein. Selbst wenn dem Leser die spezifischen Personen nicht bekannt sind, reichen die Geschichten weit über den Einzelfall hinaus und entlarven die Mechanismen des Kulturbetriebs.
Man spürt, der rauhe Wind des freien Unternehmertums hat auch das Gesicht des Verfassers gegerbt. Denn auch wirtschaftliche Realitäten klammert er keineswegs aus. Mit einem klaren Plädoyer erinnert er daran, dass Wohlstand und das, was gesellschaftlich verteilt werden soll, erst einmal verdient werden muss – und zwar von jenen, die bereit sind, ins Risiko zu gehen.
Rudolf Rachs Der dritte Blick bietet eine reiche Fülle zeitbeobachtender und zeitkritischer Texte. Es ist das Werk eines umfassend gebildeten, abwägenden und nachdenklichen Menschen, der sich durch eine klare Haltung auszeichnet. Das Buch ist nicht nur eine Autobiographie in Fragmenten, sondern ein tiefgründiger Kommentar zur deutschen Identität, Geschichte und Gegenwart.
Für Leser, die genug haben von der moralischen Überheblichkeit heutiger Debatten und stattdessen die Früchte der Gedanken eines wahrhaft unabhängigen Mannes genießen wollen, ist dieses Buch eine Bereicherung. Es lehrt uns, wahre Erkenntnis erfordert oft Distanz – und der „dritte Blick“ ist meist der schärfste.
Rudolf Rach
Der dritte Blick
Zurück in Deutschland – Erinnerungen und Einsichten
Edition Faust, Frankfurt am Main 2026
ISBN 978-3-949774-97-3
24,00 Euro
