Aus der Welt des Hermann-Joseph Schnabeltasse
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Kapitel 1
Es war nicht seine Absicht gewesen. Der winterliche, eiskalte Regenguß hatte Schneider ohne Schirm überrascht und kaum fünfzig Meter weiter lag auf der anderen Straßenseite das Antiquariat Dr. Bömmerlein Nachf., wo Schneider guter Kunde war. Er beschloß, dort Schutz zu suchen und sich dabei ein wenig umzusehen. Manchmal verplauderte er dort halbe Nachmittage mit dem Inhaber Gregor Klabusnik, der geschickt dafür sorgte, daß Schneider stets mit einem Stapel angestaubter Bücher nach Hause zurückkehrte.
Arbogast Schneider konnte sich nicht vorstellen, daß es diesmal anders sein könnte, daß er, neben ein paar Büchern, mit einer Vorstellung, einem Wunschbild nach Hause zurückkehren würde. Mit einem Wort: Daß er damit begann, sein Leben auf den Kopf zu stellen.
Schneider interessierte sich für vielerlei, je älter und ausgefallener, desto besser. Vor allem sammelte er alte Bücher, und gelegentlich, wenn er sie zu Preisen ergattern konnte, die im Rahmen seiner Besoldung als Oberstudienrat blieben, auch rare Handschriften.
Wenn er jetzt das Antiquariat betrat, würde er bei seiner Heimkehr sich gegenüber seiner Frau rechtfertigen müssen, damit rechnete er. Denn noch nie hatte er den Laden mit leeren Händen verlassen. Dabei waren es weniger seine Hände, sondern vor allem die von den Händen umfaßten Bücher, die bei seiner sonst recht umgänglichen Gemahlin ohne Ausnahme auf schärfste Ablehnung stießen. Denn diese Bücher waren, sehr zum Mißfallen seiner reinlichkeitsliebenden Ehegattin, nicht nur stets staubig – sehr staubig konnte man sagen –, sie sonderten meistens auch üble, nach in einer Schmuddelecke vergessenen nassen Putzlappen riechende, Dünste aus.
Er wog ab: Er könnte im Trockenen das Ende des Regengusses abwarten, ein wenig mit dem Antiquar plauschen und günstig ein paar interessante Bücher erstehen. Dann wäre, je nach Stimmungslage seiner Ehefrau Irmgard, eine mehr oder weniger heftige Rüge zu erwarten, sein Zustand danach also sozusagen der eines begossenen Pudels.
Diesen Zustand könnte er vermeiden, würde dann aber richtig tropfnaß vom Regenschauer zu Hause ankommen. Es hätte dann keinen netten Plausch mit dem Antiquar gegeben und er hätte bestimmt die Gelegenheit versäumt, einige Schnäppchen zu machen – oh, er war ein großer Freund günstiger Gelegenheiten! Außerdem mußte er auch ohne Bücher damit rechnen, bei seiner Heimkunft mit einem Kopfschütteln und einer Stirn in Falten empfangen zu werden. Denn er hatte, als er ausging, die Empfehlung seiner Frau, einen Schirm mitzunehmen, in den Wind geschlagen.
Der Würfel war gefallen. Mannhaft steuerte Arbogast Schneider auf die Ladentür zu.
Der Antiquar Gregor Klabusnik war gerade beim Einsortieren mehrerer Kisten Bücher aus einer Haushaltsauflösung, als Schneider den nach Staub riechenden Laden mit den knorrigen, uralten Holzdielenbrettern betrat. Es waren nicht die dunklen Regenwolken draußen, die den vorderen Ladenraum in trübes Licht setzten. Die Scheiben der Schaufenster waren zwar nicht gerade blickdicht, schafften es aber selbst an Sonnentagen nicht, den Laden ausreichend zu beleuchten. Denn Klabusnik war starker Pfeifenraucher und die Putzhilfe seines Vorgängers hatte er bald nach der Übernahme des Geschäfts nicht mehr bezahlen können. Er schmauchte im Laden ständig vor sich hin. Daher lud der Zustand der Scheiben nicht unbedingt dazu ein, die im Schaufensterkasten ausgestellten antiquarischen Bücher – ein paar alte Stiche waren auch darunter – näher zu betrachten.
Auch war der Zugang zum Schaufenster im Inneren des Ladens etwas herausfordernd. Der Laden war mit mannshohen Bücherkisten und -kartons auf eine Art zugestellt, daß es der Bärenkräfte des Meisters der schottischen Hochlandspiele bedurft hätte, um den Weg zum Schaufenster in zumutbarer Zeit freizuräumen. Vielleicht hätte sich bestenfalls die gummiartige Gestalt eines Schlangenmenschen erfolgreich durch das Labyrinth winden können.
Seine Stammkunden rauchten gerne mit Klabusnik, er wußte viel und erzählte gerne, manchmal trank man auch ein Glas Rotwein. Wem das nicht paßte, der wurde eben kein Stammkunde; Klabusnik kümmerte das nicht. Er hatte in Berlin zweiunddreißig Semester nicht eigentlich studiert. Er war indessen all die Jahre an der Universität eingeschrieben gewesen, da er günstig krankenversichert sein wollte. Deshalb ist die Wahl seiner verschiedenen Studienfächer auch nicht weiter erwähnenswert. Doch hatte er sich überall etwas von dem, was ihn wirklich interessierte, an Wissen herausgepickt, war ein kluger Kopf, sehr belesen und gebildet. Ein zielstrebiges Studium mit Prüfungen und Abschluß war ihm zuwider. Das hätte er spießig gefunden.
Klabusnik befand sich im Magazin. So nannte er den Raum, der hinter dem Laden lag und mit diesem durch eine offenstehende Doppeltür verbunden war. Dort sorgten herumstehende, aufeinander gestapelte Kisten und ein Neonlicht mit einem leichten Grünstich dafür, daß kaum je ein Kunde diesen Raum betrat.
„Tach, Schneider“, rief Klabusnik unter kurzem Aufblicken seine übliche Begrüßungsformel. „Suchen Sie was Bestimmtes?“
„Tach, Klabusnik. Nein, um ehrlich zu sein, der Regenguß draußen hat mich hereingetrieben. Ich schaue mich nur ein bißchen um.“
„Tun Sie das. Wenn Sie mich brauchen, ich habe hier im Magazin zu tun.“
Klabusnik öffnete die nächste Kiste und förderte als erstes eine ältere Ausgabe von Adalbert Stifters „Die Mappe meines Urgroßvaters“ zutage. Stifter. Den kannte er gut, hatte alles von ihm gelesen und auch einmal, als er gerade Germanistik studierte, tatsächlich eine Seminararbeit über sein Werk nicht nur angefangen, sondern sogar abgeschlossen. Das war in dem Sommersemester als er Elke beeindrucken wollte. Die Arbeit mußte noch scheinbar nutzlos irgendwo herumliegen. Er blätterte in dem Buch, las sich fest, versank eine Weile in Stifters Beschreibungen und nahm nichts mehr um sich herum wahr. Schneider stöberte in den Regalen.
Dann sah er auf. Sein Blick fiel auf den ausrangierten Küchentisch in der Mitte des Magazins, auf dem sein Rechner stand und der ihm als Schreibtisch diente. Unangenehmes vertrieb die idyllischen Bilder der Stifter’schen Hochwaldbeschreibungen. Heute war ein Brief seines Vermieters mit einer Mahnung wegen der offenstehenden Mieten und der Forderung einer hohen Nebenkostennachzahlung in der Post gewesen. Drago Mihaljevic wartete schon seit Wochen auf sein Geld für die Reparatur des Motorschadens an seinem alten VW-Bus und die Abbuchung seiner Krankenkassenbeiträge war schon wieder geplatzt. Da bemerkte er, daß Schneider sich zu gehen anschickte.
Klabusnik durchzuckte es wie damals, als er in seinem Zimmer in der Altbauwohnung vor der Montage der Deckenlampe vom Sperrmüll die falsche Sicherung herausgedreht hatte. Er war auf einmal völlig verändert. Sein grauer Haarkranz stand ab wie bei der Karikatur eines Elektroschocks.
„Sie, Schneider“, rief er. „Moment mal! Ich hätte da was für Sie. Sehr speziell; habe ich gerade reinbekommen. Das biete ich nur meinen besten Kunden an. Sie sind der erste.“
Schneider wischte sich mit dem Mantelärmel an der Glasscheibe der Ladentüre ein Guckloch frei und sah, es regnete noch kräftig.
„Worum geht es denn?“ fragte er und drehte sich in Richtung Magazin. Klabusnik drückte mit dem Daumen an dem Tabak in seiner Pfeife herum und entzündete sie wieder.
„Was ich Ihnen jetzt anvertraue, muß auf jeden Fall unter uns bleiben“, sagte er in verschwörerischem Ton, indem er auf Schneider zuging. „Es ist, das kann man schon so sagen, eine Sensation.“
„Ja, was denn?“ Als ob er dadurch die halblaut gesprochenen Worte Klabusniks besser verstehen könnte, wurde Schneiders Hals immer länger, wie bei einer Schildkröte, die ihren Kopf aus dem Panzer nach einem Salatblatt streckt. Er nahm dessen geheimnistuerisches Gebaren an, indem auch er nur noch halblaut sprach.
„Aber absolutes Stillschweigen! Ich habe hier keinen Panzerschrank und das Manuskript ist noch nicht versichert.“
„Ach Gott! So wertvoll? Ob ich mir das überhaupt leisten kann?“
„Der wahre Sammler muß auch Opfer bringen. Aber wenn Sie kein Interesse haben. Ich habe noch andere, und zwar sehr zahlungskräftige Kunden, wie Sie wissen. Ich wollte Ihnen nur den ersten Zugriff lassen.“
„Jetzt spannen Sie mich nicht länger auf die Folter und sagen Sie endlich, worum es geht!“
„Adalbert Stifter. Sagt Ihnen das etwas?“
„Also bitte, was soll das, wollen Sie mich veräppeln? Natürlich kenne ich Stifter!“
„Haben Sie sich auch etwas mit seiner Biographie beschäftigt, können Sie mit dem Namen Fanny Greipl etwas anfangen?“
„War das nicht eine unglückliche Jugendliebe oder etwas in der Art?“
„So ist es. Und Stifter hat über diese Jugendliebe einen Roman geschrieben, der nie veröffentlicht wurde. Das Manuskript ist jetzt erst aufgetaucht und stellt als solches schon eine Sensation dar.“ Klabusnik kam in Fahrt und steigerte sich, indem er seiner Phantasie freien Lauf ließ. „Dazu kommt aber etwas für die Literatur des 19. Jahrhunderts völlig Außergewöhnliches.“
Klabusnik machte eine Kunstpause. Schneider trat einen Schritt auf ihn zu und verrenkte sich fast den Hals dabei. „Stifter schildert sehr freizügig allerhand Pikantes, unter anderem, wie Fanny in einem Hühnerstall an ihn ihre Unschuld verlor.“
Schneider mußte lachen. „Was Sie nicht sagen! Ausgerechnet in einem Hühnerstall! Das stelle ich mir sehr unappetitlich vor. Kann ich sehen?“
Klabusnik, der von „hereinbekommen“ gesprochen und sich gerade den Anschein gegeben hatte, das Manuskript im Laden zu haben, mußte improvisieren: „O nein. Das ist alles gut versteckt und nicht hier. Zuerst muß ich wissen, ob Sie überhaupt Interesse haben.“
„Selbstverständlich habe ich Interesse. Woher haben Sie das Manuskript, und was soll es kosten?“
„Zur Provenienz kann ich derzeit keine Angaben machen. Ich bin zu höchster Vertraulichkeit verpflichtet. Der Einlieferer fordert einhunderttausend Euro. Dazu kommen fünfzehn vom Hundert Courtage für mich.“
„Hundertfünfzehntausend Euro? Unmöglich, da muß ich passen.“
„Sagen Sie das nicht. Das Angebot ist sehr günstig, weil es dem Verkäufer etwas eilt. Er muß“, Klabusnik zögerte etwas und schien nach Worten zu suchen. „Er muß dringend einen hohen Betrag an Erbschaftsteuer bezahlen. Er hat – soviel kann ich Ihnen verraten – eine bedeutende Privatsammlung geerbt. Wenn mit der Zeit erst einmal die großen Museen oder schwerreiche ausländische Privatsammler aufmerksam geworden sind, können Sie für eine solche Rarität bei einem Weiterverkauf ein Vielfaches erhalten. Überlegen Sie es sich in Ruhe. Sie haben eine Woche Zeit, bevor ich mit dem Manuskript auf den Markt gehe.“
Zum ersten Mal mit leeren Händen, aber dafür mit übervollem Herzen ging Schneider beschwingt nach Hause. Den nur noch nieselnden Regen nahm er nicht mehr wahr. Eigentlich hatte er noch Klassenarbeiten korrigieren wollen, aber dafür war er zu aufgewühlt. Die zehnte Klasse mußte eben noch ein paar Tage warten.
Zu Hause angekommen war es nicht möglich, Irmgard den Besuch im Antiquariat zu verheimlichen. Sie sah sein strahlendes Gesicht und wußte, da stimmte etwas nicht. Zuerst
