Der lange Abschied des Sie (Teil I)

Teil I

Als meine kleine Schwester, es war um das Jahr 1960, unsere Zugehfrau mit, „Du, Frau Kuhn“, ansprach, lachte ich sie aus, weil sie nicht wußte, daß man Erwachsene zu siezen hatte, – und schämte mich dann dafür. Frau Kuhn sagte nichts. Heute würde sie wahrscheinlich antworten, „Ich bin die Katharina.“ Damals war das übrigens ein völlig unmöglicher, altmodischer Name für eine Frau von Mitte Dreißig. Im Kindergarten gab es Tante Gisela, die damals wohl kaum zwanzig Jahre alt war und die man als „Tante“ wohl auch duzen durfte. Die Leiterin war eine Ordensschwester, die als „Schwester“ und per Sie angeredet wurde.

In der Arbeitswelt herrschte unter Kollegen in Fabrikhallen und Werkstätten das Du vor, im Verhältnis Vorgesetzter und Untergebener siezte man sich. Dagegen war in den Büros das Sie gängig und es konnte vorkommen, daß Menschen ein Arbeitsleben lang als Kollegen im gleichen Büro verbrachten, sich gut verstanden und sich bis zur Pensionierung siezten.

Der Übergang vom Sie zum Du war ein formeller Akt, man schüttelte sich die Hand und nannte seinen Vornamen. Fand dieser Akt in geselliger Runde statt, was, wie es in der Natur der Dinge liegt, der häufigere Fall war, dann kamen noch weitere Formalia der Verbrüderung hinzu: Die Einführung des Du wurde durch das Brüderschaft-Trinken bekräftigt. Man erhob das Glas, prostete sich zu oder verschränkte die das Glas haltenden Arme beim Trinken. Handelte es sich um ein gemischtgeschlechtliches Brüderschaft-Trinken, durfte man sich küssen. Dabei ist zu bemerken, daß der Ernsthaftigkeit der Angelegenheit nicht dadurch Genüge getan worden wäre, daß etwa „Bussi-Bussi“-Wangenküßchen ausgeteilt wurden. Derartiges war früher nicht im Schwange. Nein, wenn schon, dann richtig. Geküßt wurde auf den Mund, jawohl! Bei geschlossenen Lippen natürlich.

Soviel zu früher. Heute stellen wir fest, daß die Verwendung des Sie schon seit Jahrzehnten zurückgeht. Das ist offensichtlich. Der Gebrauch des Sie ist in Teilen der Gesellschaft völlig ungebräuchlich geworden. Manche fühlen sich unbehaglich, wenn sie gesiezt werden, oft wohl auch deswegen, weil sie selbst das Sie gar nicht mehr richtig zu verwenden wissen, obwohl sie das hiesige Schulsystem mit Erfolg durchlaufen haben.

Man muß gesellschaftliche Veränderungen zur Kenntnis nehmen, mag man sie ablehnen oder nicht. Ob man sie mitmacht, ist wieder eine andere Frage. Man kann durchaus eigene Positionen einnehmen, aber man muß auch, gerade als älterer Mensch, manches übernehmen, wenn man nicht für schrullig gehalten werden will. Man kann sich freilich auch für schrullig halten lassen, bitte sehr, das kann auch etwas für sich haben. Es erfordert etwas Mut, dafür gewinnt man eine Art Narrenfreiheit.

Ich jedenfalls mag es nicht, wenn mich junge Leute, die Deutsch offensichtlich sehr gut beherrschen und meistens sogar Muttersprachler zu sein scheinen, im Einzelhandel, in der der Gastronomie oder als Fremdenführer duzen. Wo bleibt denn der sonst immer so lautstark eingeforderte Respekt? Manche Vertreter meiner Generation finden es gut, wenn sie von jungen Leuten, die ihre Enkel sein könnten, geduzt werden. Ob sie sich dadurch jünger fühlen? Welch ein Trugschluß! Weder die Sprache noch peinlich schrille Kleidung ändern etwas an der Tatsache, daß ein alter Mann als solcher wahrgenommen wird. Der Kontakt zur jungen Generation kommt auf andere Weise zustande, aber das soll heute nicht das Thema sein.

Im Einzelhandel gibt es das Rewe-Du. Bestellt man etwas im Internet wird man sowieso geduzt, weil das ja die junge, moderne Welt sei. (Dabei hat man noch nicht realisiert, daß erstens seit inzwischen dreißig Jahren das Bestellen im Internet völlig normal ist und zweitens heute gerade die 85-jährigen per Internet bestellen, weil sie oft nicht mehr so gut auf den Beinen sind und schwere Waren nicht mehr heimtragen können. Interessant aber ist die Feststellung, daß die Allgemeinen Geschäftsbedingungen immer per Sie formuliert sind. Da ist es dann mit der Freundschaft aus. Ist Ihnen das schon einmal aufgefallen?

Unter Arbeitskollegen kann man dem Du nicht mehr entkommen, wenn man nicht als eigenbrötlerischer Außenseiter gelten will. Auch der Lehrling muß die Chefin oder den Chef duzen, wobei mir schon Fälle bekanntgeworden sind, bei denen den Mitarbeitern die Duzpflicht sehr unangenehm war. Wenn ein Mitarbeiter per Du wie ein Untergebener von oben herab behandelt wird, dann schafft auch die Anrede keine „wertschätzende Atmosphäre“.

In privaten Gesellschaften, deren Teilnehmer das Jugendalter schon seit Jahrzehnten hinter sich gelassen haben, wird man als Neuankömmling mit, „Das ist der Matthias!“ eingeführt. Es wird keine Rücksicht darauf genommen, ob man a) mit allen Gästen und b) dies auch auf der Stelle – auf so trautem Fuß stehen mag. Ist man, auf diese Weise geht das rasch, mit einem Mitglied einer Familie oder eines Freundeskreises per Du, dann, und das geht schneller als die Vervielfältigung des Reiskorns auf dem Schachbrett, duzen einen alle, vom Kind in der Krippe – nein, das Jesuskind ist nicht gemeint, mit dem sind wir schon seit Urzeiten per Du – über die Schwägerin bis zur Urgroßmutter.

Schier unerträglich gar wird es im Krankenhaus. Das gemeinsame Schicksal als Patient zwingt zum Duzen, sei einem der Mitpatient noch so unsympathisch. Das gleiche gilt übrigens für das Gefängnis, mit dem Unterschied allerdings, daß man sich dort noch nie gesiezt hat, und daß man dem Krankenhaus in aller Regel schneller den Rücken kehren kann.

Dann gibt es auch noch das Volkshochschul-Du. Ich weiß nicht, ob dies aus der Arbeiterbewegung kommt, wo man sich untereinander schon seit jeher duzt, erinnere mich aber an Sprachkurse in meiner Jugend, bei denen sich die Teilnehmer alle siezten. Ich habe nichts dagegen, mich mit Leuten zu duzen, auch wenn ich nicht schon lange mit ihnen befreundet bin, aber das zwangsweise Du von und gegenüber Personen, die ich im Grunde überhaupt nicht kenne und mit denen mich nicht mehr als ein gewisses Interesse an einem bestimmten Thema verbindet, stört mich.

Eines ist klar: Man kann diese Entwicklungen begrüßen, bedauern oder gleichgültig zur Kenntnis nehmen. Ändern kann man sie nicht, aber darüber sprechen, das darf schon sein.

So viel für heute zu dem Thema. Demnächst folgen einige Betrachtungen, woher das Sie eigentlich kommt und wie die Höflichkeit in anderen Ländern zum Ausdruck gebracht wird.


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