Lothar Beutin, EHEC-Alarm

Es ist ja ganz nett, zwischendurch zur Unterhaltung auch einmal einen Kriminalroman zu lesen. Aber geht es Ihnen auch so, der rote Faden, der sich durch das Buch zieht, kommt einem allzu bekannt vor? Und die Katzen, mit denen die schwedische Kommissarin am Abend vor dem Kamin kuschelt und dabei darüber nachsinnt, wer der Mörder sein könnte, stellen auch nicht die Art von Figuren dar, die Sie von einem Krimi erwarten?

„EHEC-Alarm“ von Lothar Beutin sprengt die Schablonen des Genres. Zwar findet sich auch Liebe und Sex. Wie nicht anders zu erwarten kommt auch der Mord, als Grundzutat eines Krimis sozusagen, ebenso vor. Dagegen liegt die eigentliche Dramatik, wegen derer sich die Lektüre des Romans lohnt, woanders.

Die Coronapandemie hat man fast schon verdrängt. Doch ist die Menschheit weiterhin durch Mikroorganismen ständig bedroht. Seien es solche, die sich ohne menschliches Zutun entwickelt haben oder Keime, die bewusst als biologische Kampfstoffe gezüchtet worden sind.

Über diese mikrobiologische Gefahr hinaus legt „EHEC-Alarm“ den Finger in die Wunde der menschlichen Unzulänglichkeit verantwortlicher Personen. Der Autor Beutin kennt und zeigt aus eigenem Erleben unsere fatale Abhängigkeit von Verantwortlichen in Behörden und wissenschaftlichen Instituten, deren Entscheidungen nicht nach dem Kriterium des Nutzens für die betroffene Bevölkerung getroffen werden. Vielmehr bestimmen Motive wie Machtstreben, feige Ignoranz und Rücksichtslosigkeit ihr Handeln. Man kann nicht glauben, dass dies alles der Phantasie des Autors entsprungen sei. Und gerade dies ist es, was den Leser noch viel stärker erschüttert als eine ohne menschliches Zutun durch ein Virus ausgelöste Seuche. Allein wegen dieser Erkenntnis lohnt sich bereits die Lektüre des Romans.

Im Sommer 2011 verursachte in Norddeutschland das Bakterium EHEC eine Epidemie mit mehreren tausend Erkrankten. Für viele Patienten blieb es nicht bei blutigem Durchfall. Sie mussten stationär behandelt werden, an die neunhundert von ihnen erlitten eine Nierenschädigung, die für viele lebenslange Dialysenotwendigkeit zur Folge hatte. Dreiundfünfzig Menschen überlebten die Infektion nicht.

Im Zentrum des Romans stehen der Mikrobiologiestudent Harald Pütz, der in einem Institut an der Universität Kiel arbeitet, wobei dessen Freundin das erste Todesopfer der Seuche wird, sowie der Mikrobiologe Leo Schneider am Berliner Institut für Lebensmittelkontrolle und Hygiene. Dieser soll den Ursprung des Erregers aufspüren.

Leo Schneider ist das Alter Ego des Autors, der in den Wochen der Epidemie mitten im Geschehen stand und dabei fassungslos miterleben musste, wie Kompetenzgerangel in Behörden, Verantwortungsscheu der Mitarbeiter sowie Profilneurosen der Behördenleiter effektive Maßnahmen behinderten. Mit Entsetzen liest man über von Ehrgeiz, Gier und Ruhmsucht zerfressene Forscher, die jede ethische Grenze fallen lassen.

Die Freunde herkömmlicher Krimiplots können rätseln, wer hinter den beiden scheinbaren Selbstmorden steckt und welche Person sich hinter den immer wieder im Text eingestreuten, in kursiver Schrift gesetzten Gedanken des rätselhaften Dunkelmenschen verbirgt.

Der Roman ist das zweite Buch einer Reihe, mit welcher der Autor aktuelle Fragen der Wissenschaft in Romanhandlungen verpackt. Das Buch ist spannend und bringt viele interessante Details, ist aber nichts für seitenverschlingende Schnellleser.

Es ist erfrischend, einmal einen Roman zu lesen, der sich nicht die derzeit und in den letzten Jahren gängigen Standardthemen zum x-ten Mal vornimmt, sondern wichtige Themen besetzt, die uns alle angehen.

Lothar Beutin

EHEC-Alarm
Edition Milestone Lothar Beutin
Berlin, 2013, 344 Seiten
ISBN 978-3-7427-0333-0
Taschenbuch € 11,99
Kindle und Tolino € 2,99


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