Das Zeitalter des Automobils ist vorbei

Eine Beobachtung: Wie das emotionale Zeitalter des Automobils zu Ende geht

Ein Auto bedeutet Freiheit

Ist das Zeitalter des Automobils vorbei? Man sollte unterscheiden: Das menschliche Grundbedürfnis nach Mobilität bleibt bestehen. Das ist keine Frage. Der Mensch ist seit Urzeiten „umhergezogen“, sei es aus Notwendigkeit oder Neugier. Doch die Art und Weise, wie wir uns fortbewegen – und vor allem, was wir gegenüber dem Mittel zur Fortbewegung empfinden – steht vor einem radikalen Umbruch.

In seinen Anfängen ersetzte das Auto die Eisenbahn, die Kutsche und das Reitpferd. Anders als bei den beiden erstgenannten Verkehrsmitteln konnte man mit dem Automobil fast jeden beliebigen Ort zu jeder Zeit erreichen. Heute steht dem Kraftwagen der öffentliche Nahverkehr gegenüber, dessen Einschränkungen, gerade auch was Ausgangs- und Zielort angeht, sich nicht geändert haben. Das Pferd bleibt für unsere Betrachtung wichtig. Es ist ein Haustier, ein Lebewesen und damit Objekt von Gefühlen.

Für die Generationen, die im 20. Jahrhundert geboren wurden, war und ist das Kraftfahrzeug weit mehr als ein bloßes Transportmittel. Es war der Inbegriff der Ungebundenheit, ein Stück Freiheit. Es dient dem Transport, dem Beruf, aber auch dem reinen Vergnügen. Das Auto war Machtsymbol, Hobby und für viele, insbesondere Männer, ein Objekt tiefer emotionaler Bindung. Man erinnert sich oft wehmütig an sein erstes Auto oder an Urlaubsfahrten nach Italien, ähnlich intensiv wie an vergangene Wohnungen, in denen man glückliche Zeiten verlebte. Das seelenlose Auto hat die Funktion des zuverlässigen Kameraden Reitpferd übernommen.

Doch diese Ära, die letzten rund einhundertzwanzig Jahre, scheint sich ihrem Ende zuzuneigen. Nicht, weil wir aufhören Auto zu fahren, sondern weil sich unsere Beziehung dazu grundlegend ändert.

Der Verlust der Herrschaft

Ein wesentlicher Treiber dieser Entfremdung ist die Technik selbst. Je autonomer Fahrzeuge werden, desto mehr wird der Fahrer entmachtet. Sicherheitssysteme greifen ein, bremsen das Fahrzeug in zu schnell angefahrenen Kurven ab und machen Vorgaben, die nicht mehr änderbar sind. Der Genuss am Fahren, an der Beherrschung der Maschine und der Technik, schwindet.

Gleichzeitig sorgt die Elektrifizierung für eine nie dagewesene Uniformität. Vor sechzig oder siebzig Jahren konnten autointeressierte Buben die unterschiedlichen Modelle der verschiedenen Automarken auf Anhieb benennen. Was unterscheidet einen Elektro-Porsche heute noch signifikant von einem anderen leistungsstarken Elektrofahrzeug? Wenn der charakteristische Motorensound fehlt, die Formgebung nicht mehr ins Auge sticht und das Fahrwerk ohnehin elektronisch geregelt wird, bröckelt die Rechtfertigung für enorme Preisunterschiede. Der jüngste Erfolg zuvor unbekannter chinesischer Marken zeigt bereits, dass die Milliarden, die traditionelle Hersteller in Markenpflege stecken, künftig weniger Wirkung zeigen könnten. Auch das Design bietet kaum noch Unterscheidungsmerkmale: Die Straßen werden von SUVs beherrscht, deren Silhouetten sich gleichen und bei denen Designer vergeblich versuchen, durch minimale Retuschen Individualität vorzutäuschen.

Vom Statussymbol zum Gebrauchsgegenstand

Diese technische Nivellierung führt zu einem pragmatischen Wandel. Das Auto entwickelt sich von einem emotional aufgeladenen Kultobjekt zu einem reinen Nutzgegenstand. Es wird haben unseren ersten Schulfüller nicht mit einem lächelnden Erinnern an die frühe Schulzeit aufbewahrt. Ein Sofa, auf dem wir vielleicht mit einem geliebten Menschen schöne Momente verbracht haben, nutzen wir, aber wenn sie ausgedient hat, kommt sie zum Sperrmüll. Wir verbinden kaum tiefe Gefühle mit ihr.

Die Nüchternheit einer pragmatischen Fahrzeugwahl gab es auch früher schon, sie wird aber zum neuen Standard. Bisher zogen die Autohersteller ihre attraktiven Margen aus dem Verkauf von Sonderausstattungen (schauen Sie einmal zum Spaß bei einem Fahrzeug-Konfigurator einer beliebigen Marke nach, was ein Satz Aluminiumfelgen kostet!). Die Grundausstattung von Neufahrzeugen wird immer umfangreicher. Die Bedeutung von Sonderausstattung geht zurück.

Auch das Eigentum selbst wird infrage gestellt. Wenn Autos autonom fahren, sinkt die Notwendigkeit, ein eigenes Fahrzeug in der Garage vorzuhalten, das die meiste Zeit ungenutzt bleibt. CarSharing und On-Demand-Modelle könnten den Privatbesitz häufig ablösen – auch wenn hier das Problem der Spitzenlasten (alle wollen zur selben Zeit fahren) noch gelöst werden muss. Schon seit Jahren lässt sich beobachten, dass Stadtbewohner auf den Besitz eines eigenen Wagens verzichten. Mit jeder Generation, die nachrückt, werden es mehr. Das mag sich auch wieder einmal ändern. Doch die „Verbindung zum Reitpferd“ ist unterbrochen. Das moderne Automobil als Computer mit Sitzplätzen und vier Rädern wird unsere Gefühle nicht mehr beherrschen als ein Smartphone, das entsorgt wird, wenn ein neues Modell auf den Markt kommt.

Ein leiser Abschied

Was bleibt, sind die Hubraumenthusiasten, die Benzin im Blut haben, eine kleine Gruppe Technikbegeisterter, die dem Röhren von acht oder zwölf Zylindern nachtrauern und sich nicht mit dem Summen eines Elektromotors zufriedengeben wollen. Doch sie werden die Ausnahme sein.

Auch wenn die Wirtschaft weiterhin auf den Ausbau der Straßeninfrastruktur drängen wird, um Güter effizient zu transportieren, wird in unseren Köpfen wird das Auto nicht mehr den dominanten Platz einnehmen, den es einst hatte. Dies wird auch Folgen für den Straßenbau haben. Die emotionale Bindung löst sich auf. Wir werden weiterhin mobil sein, aber das Zeitalter des Automobils, wie wir es kannten und liebten, ist vorbei.


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