Ein Trüffelsucher in Katalonien

Markttag in Vic

In der alten Bischofsstadt Vic, wo die Wurzeln Kataloniens liegen, auf der großen Plaça Major inmitten der historischen Altstadt findet samstags morgens seit eh und je der Wochenmarkt statt. Vic liegt im Zentrum einer Hochebene. Es war Winter und La Tramuntana, der Nordwind, der von den Pyrenäen herunterbläst, hatte kalte Bergluft gebracht. La Tramuntana stirbt nach einem Tag, wie eine alte katalanische Redensart sagt, oder sie fegt eine ganze Woche lang über Felder und Stadt. Jetzt war es schon seit Tagen frostig kalt und dicker Raureif hatte die Flur überzogen, als wir zeitig am Morgen vom Dorf nach Vic fuhren.

Magdalena wollte sich auf dem Markt nach den rotbraunen, innen glasierten und von außen unbehandelten Tonschälchen umsehen, die man hier in jedem Haushalt verwendet. Sie stöberte eine Weile, konnte sich noch nicht ganz zwischen zwei Angeboten entscheiden. Ich schaute mich suchend um, mir war kalt und ich wusste, unter den Arkaden, die den quadratischen Platz säumen, gibt es einige bars, wie die Cafés hier meistens heißen. Mir war nach einem heißen Kaffee, gerne auch mit noch zusätzlich wärmenden Inhalt. Da bemerkte ich Joan Serrallonga in der Menge. Joan ist in Katalonien ein Männername und entspricht unserem Johannes oder einfach Hans. Ich kannte ihn schon seit Jahren, er lebte auch im Dorf, bei unseren ersten Besuchen dort durften meine Freunde und ich bei ihm und seiner Frau Margarita zu Hause übernachten. Eine Pension gab es nicht, ein Hotel noch viel weniger.

„Guten Morgen senyor Joan, was macht Ihr hier so zeitig auf dem Markt?“ Mein Interesse war echt.

Ich muss erwähnen, die Begegnung ist fast fünfzig Jahre her und Joan war auch nicht der Typ Mann, der sich von seiner Frau Margarita, mit der er sich im Übrigen gut verstand, zum Einkaufen auf den Markt hätte schicken lassen. Joan war schon immer ein unruhiger Geist, den es ins Freie lockte und der auch, als die Familie eine zeitlang in Barcelona wohnte, meistens in dem Haus auf dem Dorf wohnen blieb.

Er war um die fünfzig Jahre alt, groß, schlank und kräftig, hatte dunkles, gewelltes Haar mit einer leichten Stirnglatze. Sein Schnurrbart war eindrucksvoll und hatte schon beim ersten Kennenlernen meine Freunde und mich dazu gebracht, ihn in falschem Spanisch El Haciendero zu nennen. Statt eines großen Landguts besaß er indessen nur zwei uralte zusammenhängende Häuser in einer engen Gasse des Dorfes. Das eine bewohnte er mit seiner Frau Margarita und den beiden Töchtern, das danebenstehende stand leer und war völlig heruntergekommen. Er war nachgeborener Sohn einer Bauernfamilie und hatte damit nach altem katalanischen Höferecht beim Erben das Nachsehen. Der Hof war auf seinen älteren Bruder übergegangen.

„Ich schaue mich um, wie die Preise für Trüffeln stehen“, antwortete er auf meine Frage. Ich wusste zwar, er war tofonaire, Trüffelsucher, hatte aber wenig Ahnung, was sich dahinter verbarg, und kam mit ihm darüber ins Gespräch. Vor Kälte stapften wir auf der Stelle. Magdalena trotzte der Witterung und verhandelte an einem Marktstand mit einer Verkäuferin. Ich gab ihr ein Zeichen und betrat mit Joan das nächstgelegene Café unter den Arkaden.

Bei einem Kaffee mit einem ordentlichen Schuss Kognak erzählte er mir: „Nachdem mein älterer Bruder den Hof übernommen hatte, musste ich sehen, wo ich bleibe. Mein Vater kannte unzählige Stellen im weiten Umkreis, wo Trüffeln wachsen. Im Winter, wenn auf dem Hof nicht so viel zu tun war, zog er los und ich ging schon als Kind mit, so oft es möglich war. Ich war schon immer gern draußen in der Natur und verstand schnell, nach welcher Art von Vegetation ich Ausschau halten musste, um Trüffeln zu finden. Außerdem kann ich mich leicht orientieren und habe ein gutes Ortsgedächtnis. So kam es dann, dass ich mir im Freien einen großen Teil meines Lebensunterhalts verdiene. Im Herbst sammle ich Pilze bis hinauf in die Pyrenäen, im Winter ist Trüffelzeit.“

„Ich habe einmal etwas gelesen, dass man Schweine zum Trüffeln Suchen benutzte, stimmt das?“

Joan lachte. „Ja, Schweine haben eine sehr feine Nase und fressen Trüffeln. Ganz früher hat man sie wohl tatsächlich manchmal zum Aufspüren von Trüffeln benutzt, aber sie sind langsam und nicht so zielgerichtet wie die Hunde, mit denen man heute arbeitet. Aber die Wildschweine sind heute noch für uns Trüffelsucher wichtig. Einerseits sind sie unsere Konkurrenz, weil sie Trüffeln auch gerne fressen, auf der anderen Seite aber tragen sie mit ihrem Kot dazu bei, dass sich die Trüffel auch ausbreitet. Trüffeln sitzen vollständig unter der Erde an der Wurzel eines Baums oder Strauchs. Da weht kein Wind, der ihre Sporen verbreiten könnte. Dazu braucht es die Wildschweine, die sie ausgraben, fressen und die Sporen wieder ausscheiden.“

„Und die Hunde? Gibt es spezielle Rassen, die sich besonders eignen und Hundeschulen, wo man Trüffelhunde kaufen kann?“

„Hundeschulen? Nein, das Abrichten der Hunde muss man schon selber erledigen.“ Joan hatte sich offensichtlich in Stimmung geredet. Da gerade auch Magdalena mit einer Freundin eintrat, die sie soeben auf den Markt getroffen hatte, bestellte er für alle noch eine Runde Kaffee mit Kognak.

„Die Kollegen sagen, jede Hunderasse sei geeignet. Aber du weißt, ich züchte Dalmatiner und mit diesen bin ich besonders zufrieden. Sie arbeiten sehr gut.“

Die beiden jungen Damen konnten sich für Trüffelschweine und das Abrichten von Gebrauchshunden nicht sonderlich erwärmen. Joan bemerkte dies sofort und wechselte charmant das Thema. Als wir uns nach einer Weile verabschiedeten, sagte er zu mir: „Wenn es dich interessiert, nehme ich dich gern einmal zur Trüffelsuche mit.“ Wir verabredeten uns für Montagmorgen.

Es dämmerte gerade, als wir am Montag losfuhren. Ein strahlender Tag kündigte sich an. Der tief dunkelblaue Himmel ließ die Sterne erlöschen. Über den Tafelbergen im Osten der Ebene von Vic wurde es dunkelrot. Bup, der Dalmatiner, sprang ins Auto und Joan übergab mir einen kleinen Stoffsack. „Was habt Ihr denn darin?“, wollte ich wissen. „Das sind Brotstücke für Bup. Jedesmal wenn er eine Trüffel aufgespürt hat, bekommt er einen Brocken. Behalte den Sack vorne bei dir, er hat Hunger.“

Wir fuhren eine gute halbe Stunde Richtung Osten zu den Tafelbergen der Guilleries. Bald ging es auf steinigen Feldwegen steil bergauf.

Am Stausee „Pantà de Sau“

„Ich nehme oft auch das Geländemotorrad, wenn ich unterwegs bin“, erklärte mir Joan. „Viele Stellen kenne ich so gut, dass ich sie auch ohne Hund leicht finde. Aber heute machen wir eine längere Tour über weitläufiges Gelände. Da übertrifft die Hundenase doch um Längen mein Ortsgedächtnis“, fuhr er fort und griff mit dem rechten Arm nach hinten, um Bups Kopf zu tätscheln.

Inzwischen war die Sonne aufgegangen und tauchte das Grün und die Braunschattierungen der Landschaft in ein warmes Licht. Raureif glitzerte noch, aber man spürte schon, heute würde es milder werden. Joan hielt an. „Wir sind da.“

Vor uns erstreckte sich eine Heidelandschaft mit kleinen Baumgruppen von Steineichen, einzelnen stehenden knorrigen Eichen, wie wir sie auch in Mitteleuropa kennen, Gestrüpp und hohem Gras. Joan ließ Bup laufen. „Such sie“, rief er ihm zu, „such sie!“ Hechelnd schnupperte Bup zunächst noch in der Nähe des Wagens am Boden herum, als ob er seine Nase erst auf den Geruch der Erde einstimmen müsste. Dann sprang er plötzlich zielgerichtet auf eine freistehende Eiche zu und begann zu scharren. Joan hatte sich das Säckchen mit dem Brot gegriffen und ging schnellen Schritts auf die Eiche zu, zog Bup weg und warf ihm einen Brotbrocken hin. „Brav, Bup, brav.“ Dann lockerte er die Erde mit einem Grabmesser vorsichtig dort weiter, wo der Hund gescharrt hatte und brachte drei kleine Trüffeln zum Vorschein. Schwarz und schrumpelig, wie Murmeln saßen sie an der Baumwurzel. Sodann packte sie in einen Stoffbeutel und sagte zu mir: „Bücke dich einmal und rieche an der Erde. Der Duft hat sich übertragen.“ Tatsächlich, die Erde roch intensiver als so mancher Teller Spaghetti im Lokal, der angeblich mit Trüffelbutter angerichtet war.

Trüffeln!

Auf diese Weise ging es weiter. Bup war fleißig und hatte sich durch seine Belohnungen auch bald sein Frühstück zusammenverdient. „Wachsen Trüffeln nur unter Eichen“, fragte ich Joan. „Nein“, war die Antwort.

Trüffeln!

„Auch unter Buchen, Linden, Haselnusssträuchern und anderem. Sie können an vielen Stellen vorkommen. Es kommt auch auf den Boden an. Er muss kalkhaltig sein.“ Dann erklärte mir Joan, dass dieses Gebiet hier vor Millionen von Jahren von einem Meer bedeckt war.„Ich habe hier schon öfter versteinerte Muscheln oder ähnliches gefunden.

Unter der Kalkschicht ist aber weicher Sandstein und Mergel, der schneller erodiert als Kalkstein. In Millionen von Jahren hat die Kalkschicht dann immer weiter die Grundlage verloren und ist irgendwann abgebrochen. So sind hier die schroffen, vertikalen Felswände unserer Berge entstanden.“
So ging es bis zum Nachmittag, unterbrochen von einem kräftigen Frühstück am späten Vormittag,

bei dem auch ein paar ordentliche Schluck Rotwein aus der bota, dem herkömmlichen Lederbeutel, nicht fehlen durften. Dann war Bup müde und ich auch. Joan dagegen wirkte noch so frisch wie am frühen Morgen.

Zu Hause wog er seine er seine Ausbeute und berechnete seinen Tagesverdienst. Reich wurde er bei seiner Arbeit nicht, aber es lohnte sich allemal. Zum Abschied schenkte mir ein paar kleine Trüffeln. Diese ergaben dann bei uns Spaghetti mit wirklichem Trüffelgeschmack.

Oficina de Turisme de Vic

https://www.victurisme.cat

Plaça del Pes – Edifici Ajuntament 08500 – Vic / Telèfon: 93 886 2091

E-mail: turisme@vic.cat


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