Ordnung ist das halbe Leben. So sagt es wenigstens der Volksmund. In den letzten Jahrzehnten hatte es allerdings den Anschein, als sei die Bedeutung der Ordnung etwas verblasst. Wie dem auch sei, zumindest gegen „gedankliche Unordnung“ wird ständig etwas unternommen. Wie das?

Sie kennen es vielleicht noch von früher. Die Zeitung, der Rundfunk und das Fernsehen brachten Nachrichten. Daneben gab es Kommentare. Darin sagten Journalisten, was sie von den Nachrichten hielten.

In der Schule hatte man uns erklärt, die Nachricht müsse wahr und sachlich-neutral formuliert sein. Nun ja, wie dies mit hehren Zielen so ist, man erreicht sie nie ganz. Das ist menschlich.

Man nimmt uns bei der Hand

Was man heute so liest, vor allem, was man hört und sieht, lässt oft keine Unterscheidung mehr zwischen Nachricht und Kommentar zu. Das könnte zu Verwirrung und Misstrauen beim Zuschauer führen. Scharfsinnig haben die Verfasser der Nachrichten indessen erkannt, dass dieses Misstrauen zu eigenem Denken des Zuschauers und Hörers führen könnte: allgemein als Nachdenken bekannt. Dieses soll – so behaupten jedenfalls manch böse Zungen – eher vermieden, auf jeden Fall auf den richtigen Pfad gelenkt werden.

Hier kommt der gutwillige Journalist ins Spiel. Überzeugt, Otto Normalverbraucher (Ottilie ist mitgemeint!) sei mit der geistigen Verdauung des Breis aus Nachrichten und Meinungen überfordert, kommt jetzt sein Auftritt: Er setzt zum journalistischen Seitensprung an – also ich meine den Sprung des hilfreichen Zur-Seite-Stehens.

Dieser besteht in der Kunst des „Einordnens“. Der Journalist erklärt dem Bürger, was von dem gerade Gesehenen und Gehörten zu halten sei. Dabei bedient er sich gerne der vorgefertigten Sätze aus dem gerade vorgetragenen Nachrichtenbrei gemäß dem alten Grundsatz, wonach die Wiederholung die Mutter des Lernens ist.

Zum Einordnen braucht es meistens zwei Personen (Journalisten müssen in Lohn und Brot gebracht werden). Da ist ein Moderator. Das bedeutet eigentlich jemanden, der andere mäßigt. Was er „moderiert“ weiß ich also nicht (früher gab es „Ansagerinnen“ im Fernsehen, ein klarer Ausdruck für eine klare Tätigkeit). Der Moderator bittet den „Einordner“ mit gespannter Miene um die Einordnung, denn offensichtlich hat ihn die von ihm selbst gerade verlesene Nachricht sehr konfus zurückgelassen.

Der „Einordner“ – gerne von draußen ins Bild gesetzt; beliebt sind dabei auch Helm und kugelsichere Westen – wiederholt mit hochgezogenen Augenbrauen, aber anderen Worten, was gerade gesagt worden ist. Er fügt auf Nachfrage des Moderators an, es sei schwierig abzuschätzen, ob diese oder jene Folge eintrete. Es bleibe abzuwarten, wie diese spannende Frage gelöst werden könne.

Danach besinnt er sich aber seiner volkserzieherischen Aufgabe und sagt seine, je nach Sender oder Medium entsprechend vorhersehbare, Meinung. Damit ist eingeordnet, also die Ordnung hergestellt.

Das ist übrigens nichts Neues, man kennt dies schon seit ca. 2200 Jahren vom alten Cato, der jede seiner Reden im Römischen Senat nicht mit einem Dank an seine Zuhörer, sondern dem Aufruf beschloss, Karthago müsse unbedingt zerstört werden. Er bekam zum Ende seines Lebens seinen Willen.

Ob die „Einordner“ mit ihrer Erziehungsarbeit ähnlich erfolgreich sein werden? Das kann man bezweifeln. Gar zu plump und leicht zu durchschauen sind oft ihre wahren Absichten. Um einmal ein bekanntes Zitat im Original und in voller Länge wiederzugeben:

             „ … und wenn sie auch

            Die Absicht hat, den Freunden wohlzutun,

            So fühlt man Absicht, und man ist verstimmt.“

(Johann Wolfgang von Goethe, Torquato Tasso, Zweiter Aufzug, Erster Auftritt)


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