
Trás-os-Montes, „Hinter den Bergen“ heißt eine historische Region in Portugal, weil sie eben, von der Küste und den dort gelegenen großen Städten aus gesehen, hinter den Bergen liegt. „Rückständig“ werden wohl Technokraten sagen, „wirtschaftlich abgehängt“ vielleicht. Als „authentisch“ und „charmant“ preisen Touristikwerber die Region an. So kann sich jeder darunter vorstellen, was ihm behagt.
Das portugiesische Hinterland kann einen oft in einen wehmütigen Traum von einer früheren Zeit versetzen. Unbewusst schwingt solch eine
Erwartung auch auf unserer Fahrt nach Rio de Onor mit. Es ist wahrlich hinter den Bergen gelegen, an deren äußerstem Ende, auf 920 m Höhe in der Nordostecke Portugals, unmittelbar an der Grenze zu Spanien. Genauer gesagt, auf der Grenze zu Spanien, denn der Ort erstreckt sich über beide Länder. „Hinter den Bergen bei den sieben Zwergen“ kommt mir in den Sinn. Wie soll man da unvoreingenommen etwas nicht nur besichtigen, sondern wirklich be-„suchen“?
Das Dorf mit seinen Steinhäusern und den vorgebauten Galerien liegt malerisch an einem Flüsschen und soll sich, so wissen es die Reiseführer, seine eigenen Bräuche und einen besonderen Dialekt bewahrt haben. Wer will das feststellen?
An einem Werktag Ende Mai parken wir auf einem großen, staubigen Parkplatz am Ortseingang. Er ist fast leer, aber seine Ausdehnung lässt ahnen, hier muss es auch eine Saison mit Wochenenden voller Busse und Ausflüglern geben. Am Rande des Parkplatzes stehen vor einer wenig einladenden Schenke zwei oder drei Tische. Einige müßige Männeraugen scheinen uns von dort zu beobachten und wir beschließen, unser Verlangen nach einem Kaffee anderswo zu befriedigen. Das Dorf wirkt auf uns zunächst wie ein Freilichtmuseum. Doch es gibt Dorfbewohner und diese gehen, so unser Eindruck, sehr geruhsam ihrer Arbeit nach. Gelegentlich bellt ein Hund, jemand hat in einer Seitengasse eine Maschine laufen. Vervollständigt werden die Dorfgeräusche durch Autos, von denen ungefähr alle Viertelstunde eines durch die Hauptstraße genannte Gasse über die Grenze nach Spanien fährt.

Das alles hat etwas Friedliches. Die Häuser erinnern mich an Aufnahmen aus einem Bildband über spanische Dörfer aus den frühen fünfziger Jahren. Manche Gebäude wirken baufällig und man möchte geradezu hinzuspringen, um etwas zu tun, den Verfall aufzuhalten. Zu schade, wenn Häuser oder Ställe zusammenbrechen und an deren Stelle glatte, zweckmäßige Neubauten errichtet würden. Andere Häuser hingegen sind bereits liebevoll hergerichtet und dienen wohl als Wochenend- oder Feriendomizil. Die Dorfstraße ist, wie in anderen Weilern der Umgebung auch, gepflastert und nicht geteert. Es ist erstaunlich, wie sehr hierdurch das Dorfbild gewinnt. Einem Schild an einem wunderschön restaurierten und herausgeputzten Haus entnehmen wir, es gehört einem schweizerischen Ehepaar. Er restauriert Häuser, sie ist Fotografin. Es ist wahrscheinlich ein Glück für das Dorf, dass es diese beiden gibt. Manchmal braucht es den Blick von außen, um das Eigene und Bewahrenswerte zu erkennen.
Ein Spaziergang am Fluss entlang führt uns zum Dorfcafé, wo ein Schild den Sitz der Associação Cultural anzeigt. Dösend liegt ein struppiger Hund mit falbem Fell mitten auf dem Kopfsteinpflaster der Straße. Uns scheint, er hebe nur ein Augenlid, als wir nahe an ihm vorbeigehen. Den Kaffee im Kulturverein serviert uns eine ältere Frau, die unbekümmert mit uns plaudert, als seien wir alte Bekannte. Der Aufsteller mit der leicht verblichenen Eistafel, manche Sorten sind mit einem dicken Filzstift durchgestrichen, verlockt uns, nach einem Eis zu fragen. Die Wirtin erklärt, wegen Stromausfalls sei das Eis halb aufgetaut gewesen, jetzt aber wieder gefroren. Mit der Verlockung hat es ein schnelles Ende, als wir das Eis gebracht bekommen, aber wir probieren. Es ist noch genießbar.
Wir sitzen draußen vor dem Café an einem Aluminiumtisch. Der Boden ist gepflastert. Das Pflaster lässt den Tisch ist ein wenig wackeln, auch die Stühle machen leichte Schaukelbewegungen. Drinnen, an der Theke, ist Betrieb; lebhafte Gespräche werden geführt und wir vermuten, die Bewirtung erfolgt wohl durch die Mitglieder der Associação Cultural. Ständig tummelt sich jemand anderes hinter dem Buffet.
Ein älterer Mann kommt herangeschlendert, sieht, dass unser Tisch wackelt, eilt in die Schankstube und kommt mit einem Stück Karton wieder. Wir stabilisieren mit vereinten Kräften und jetzt bewegt sich nichts mehr. Er richtet auch unseren Sonnenschirm neu aus. Wir bedanken uns und kommen darüber ins Gespräch. Der Mann deutet auf die angrenzenden Kartoffelfelder voller Unkraut. Er hat die Landwirtschaft weitgehend aufgegeben, erzählt er uns.
„Wie viele Einwohner hat denn das Dorf?“, frage ich. „Genau 42“, antwortet er, „der jüngste ist 56 Jahre alt.“
Die jungen Leute sind wohl alle weggezogen, arbeiten außerhalb?“ Er nickt nur. Dann fügt er versonnen hinzu: „Manche leben und arbeiten in Bragança, das ist ja nicht so weit weg. Andere haben sich ihr Leben in Porto eingerichtet. Am ehesten kommen aber noch diejenigen zu Besuch, die am weitesten entfernt in Lissabon wohnen.“
„Was kann man schon machen“, fügt er nach einer kleinen Weile hinzu. Er setzt ein Lächeln auf, fragt, ob wir noch einen Kaffee wollen, ruft nach drinnen und kurz darauf bringt uns die Frau, die uns das Eis verkauft hat, mit ein paar freundlichen Bemerkungen noch zwei Kaffee. Hilde und ich, wir schauen uns an und haben das Gefühl, wenn man hier wohnte, würde man sofort zur Dorfgemeinschaft gehören.
Die Sonne scheint, wir sitzen auf unseren nicht besonders bequemen Aluminiumstühlen und fühlen uns wohl. Der dösende Hund auf dem Kopfsteinpflaster hebt von Zeit zu Zeit den Kopf und nimmt Witterung auf.

Leben nähert sich. Von Ferne hört man Kinder rufen, bald kann man sie auch sehen. Die Ermahnungen ihrer Lehrerinnen oder Betreuerinnen überhörend, balancieren ein paar Buben auf den aus losen Steinen aufgeschichteten Mäuerchen. Mädchen spielen Fangen. Die Vorhut hat das Werbeschild mit der Eisauswahl entdeckt und meldet die Nachricht lautstark der folgenden Meute, die darauf johlend nach vorne rennt. Den Lehrerinnen bleibt nichts anderes übrig, als sich schnell an die Spitze zu setzen, die Wünsche der Kinder zu sammeln und sie an die Wirtin weiterzugeben. Mit leichtem Erstaunen nehmen wir zur Kenntnis, wie diese aus einem Nebenraum noch nicht angetaute Eisvorräte holt. Sei‘s drum. Der Kulturverein wird es sich nicht erlauben können, Eis wegzuwerfen.
Als alle Kinder ihr Eis haben, entdecken einige eine Katze mit Jungen und sind beschäftigt. Der Hund verzieht sich, man meint, er schüttle den Kopf. Eine der Lehrerinnen erzählt jedem voller Stolz, ob er es hören will oder nicht, sie seien aus Asturien. Ich bin amüsiert darüber, wie sich manche Eigenheit über Jahrhunderte zu halten scheint. Im 1605 erschienenen Don Quijote macht sich Cervantes über die Magd einer Herberge lustig, weil diese sich für adlig hält. Sie ist aus Asturien, ganz im Norden Spaniens, wohin die Mauren nie vordringen konnten. Die Asturier nannten sich cristianos viejos, alte, nicht vom muselmanischen Glauben zum Christentum Bekehrte unvermischten Blutes, was sie in ihren Augen zu Adligen machte. Ob meine Erklärung für den Stolz der Lehrerin zu weit hergeholt ist? Ich werde es leider nie erfahren.
Inzwischen ist noch ein Spanier eingetroffen. Laut und großtönend erklärt er den zurückhaltenden und in seinen Augen wohl zurückgebliebenen Portugiesen an der Bar die Welt. Schlendernd kommt ein weiterer Mann näher. Untersetzt, in blauer Baumwollhose und mit kurzärmligem, hellem Hemd, hätte ich alleine schon anhand seiner Kluft einen hohen Betrag darauf gewettet, dass er der Busfahrer ist. Die stolzen Lehrerinnen geben sich nicht mit ihm ab. Vielleicht war schon sein Vorfahr zu Cervantes Zeiten als Maultiertreiber eine Art Fuhrunternehmer. Der Mann nimmt jedenfalls mit entsprechendem, vielleicht genetisch verankertem Gleichmut hin, dass man ihn links liegen lässt.
Endlich werden die Kinder zusammengerufen und die Asturier machen sich wieder auf den Weg zum Bus. Ob ihnen diese Stippvisite jenseits der Grenze genügt, um zu Hause erzählen zu können, sie seien in Portugal, im Ausland gewesen?

Da auch der die Welt erklärende Spanier verschwunden ist, herrscht erneut Ruhe. Struppi nimmt wieder seinen Platz auf dem Pflaster ein. Wir machen uns ebenfalls auf den Rückweg. Am Rand eines Fußpfads sitzt im Schatten eine schüchterne junge Mutter mit ihrem Kind, vor sich einige große Gläser mit Honig. Das Bild rührt mich. Sie hat kleine Brotstückchen bereitliegen und bietet an, den Honig zu kosten. „Mel de castanha“, sagt sie, Kastanienhonig. Es gibt eine hellere und eine dunklere Sorte. Die dunkle ist von der Vorjahresernte antwortet sie auf meine Frage. Wir nehmen ein großes Glas vom Vorjahr zu einem Preis, den auch die Verkäuferin selbst wohl als für portugiesische Verhältnisse überteuert empfindet. Wir hätten uns aber geschämt, mit ihr zu handeln, zumal wir in Deutschland für jeden beliebigen Honig das Doppelte gezahlt hätten. Daheim haben wir bereut, nicht gleich mehrere Gläser gekauft zu haben. Das Aroma war unvergleichlich.
Als wir wieder am großen, staubigen Parkplatz eintreffen, steht nach der Abfahrt des Busses außer unserem Wagen nur noch ein Fahrzeug da. Die Männer vor der kleinen Bar sind verschwunden.
