„Jahrmarkt der Eitelkeit“ ist zu einem geflügelten Wort geworden. Vielleicht sagt Ihnen auch der englische Ursprung „Vanity Fair“ etwas. Es gibt eine Zeitschrift mit diesem Titel, die sich in Deutschland allerdings nur zwei Jahre gehalten hat. Ob wir das als Zeichen einer weniger ausgeprägten Eitelkeit der Deutschen nehmen können, wollen wir hier einmal dahingestellt sein lassen.
Denn uns geht es hier um das Buch „Jahrmarkt der Eitelkeit“ von William Makepeace Thackeray aus dem Jahr 1848. Hauptfiguren in diesem „Roman ohne Helden“, wie es im Untertitel heißt sind zwei gegensätzliche Frauenfiguren.
Die „Anti-Heldin“ Rebecca „Becky“ Sharp, die verwaiste Tochter eines mittellosen Künstlers und einer französischen Tänzerin, hat weder Geld noch Namen. Dafür hat sie einen unbändigen Willen zum sozialen Aufstieg, den sie mit Witz, Charme und Skrupellosigkeit betreibt. Ihre Schulfreundin, die sanftmütige und schwunglose Amelia „Amy“ Sedley, ist in ihrer naiven Güte etwas langweilig. Sie fällt tief durch familiäre Schicksalsschläge und ergibt sich ohne eigene Initiative in ihr Schicksal.
Becky dagegen kämpft sich mit Intrigen, Schmeichelei und durch brillante Manipulation die gesellschaftliche Leiter hinauf. Sie durchschaut die Regeln der Gesellschaft, spielt mit und weigert sich, ein Opfer ihrer Umstände zu sein. Sie ist egoistisch, sie lügt und nutzt die Menschen aus. Aber in der Verfolgung ihrer Ziele ist sie auf eine gewisse Art ehrlich.
Um diese beiden Hauptfiguren webt Thackeray ein dichtes Geflecht aus Nebenfiguren – und die Charakterisierung jeder einzelnen davon ist des Lesens wert.
Der Roman ist in die Epoche der Napoleonischen Kriege eingebettet. Ein besonderes Glanzlicht stellt die Schilderung des Treibens der noblen englischen Gesellschaft dar, die sich mit den englischen Truppen nach Belgien begeben hat, als Schlachtenbummler im wahrsten Sinne des Wortes. Allein die Darstellung ihres Verhaltens vor, während und nach der Schlacht bei Waterloo im Juni 1815 zeigt so treffsicher den menschlichen Charakter, dass dies allein schon das Lesen des Buchs wert ist.
Die präzise analysierten Themen im „Jahrmarkt der Eitelkeit“ wirken auch heute noch. Es geht um soziale Mobilität, wirtschaftliche Abhängigkeit und Geschlechterrollen. Becky stößt trotz Intelligenz und Energie immer wieder an die Grenzen, die die Gesellschaft ihrer Zeit setzt. Dies ist Teil ihrer Tragik. Ihr Aufstieg ist zwar möglich, aber nie sicher. Die von ihr so erstrebte gesellschaftliche Anerkennung steht auf tönernen Füßen, weil sie nicht von Geburt legitimiert ist. Thackeray verzichtet auf romantisches Weichzeichnen, sondern zeigt die Härte der gesellschaftlichen Spielregeln in grellem Licht.
Aber das ist noch nicht alles. In den Romanen des 19. Jahrhunderts wird erzählt. Das erwartet man. Thackeray geht aber noch weiter. Er gibt dem Erzähler als ein von außen auf das Geschehen blickender noch eine zusätzliche Stimme. Sozusagen vom Bühnenrand mischt er sich immer wieder in das Geschehen ein, kommentiert das Verhalten der Darsteller auf der Bühne ironisch-sarkastisch und spricht den Leser direkt an. Der Erzähler ist nicht neutral, sondern gibt seine Meinung zu erkennen. Dadurch zieht er den Leser auf seine Seite, macht ihn zum Komplizen seiner scharfen Satire auf die Mechanismen sozialer Anerkennung.
Zugegeben, man kann den Roman nicht in Unrast verschlingen. Er will mit Geduld gelesen werden. Freunde von Thrillern, die gewohnt sind, hastig Seiten umzublättern, angetrieben von einer vorandrängenden Handlung, werden nicht auf den Geschmack kommen. Das Buch will mit Muße gelesen, manche feine Ironie oder gelungene Formulierung will ausgekostet werden. Der nur zum Ziel am Buchende hineilende Leser käme einem Fahrgast im Hochgeschwindigkeitszug gleich, der zwischen Schallschutzwänden seinem Bestimmungsort zurast. Wir schauen stattdessen lieber auf der Nebenstrecke aus dem Bummelzug auf die scheinbare Wiesenidylle und in die Schluchten und Abgründe des Gebirges der menschlichen Existenz.
Von William Makepeace Thackeray „Jahrmarkt der Eitelkeit“ gibt es neuere, empfehlenswerte Übersetzungen von Melanie Walz, Hans-Christian Oeser und Gisbert Haefs. Manche ältere, günstig, auch gebraucht, zu findende gemeinfreie Übersetzungen sind etwas schwerfällig.
