Stellen Sie sich vor: Sie sitzen im Café. Die Bedienung, deren Laune offensichtlich im Keller ist, knallt das kleine Edelstahltablett regelrecht auf den Tisch. Schwungvoll, schräg – schwapp. Ein Schwall Kaffee landet auf der Untertasse. Sie bleiben höflich: „Vielen Dank.“ Die Antwort kommt prompt, mechanisch und gelogen: „Sehr gerne.“
Es begann bei jungen Aushilfskräften, inzwischen kann man ihm nicht mehr entgehen: Das allgegenwärtige „Gerne“ verdrängt zusehends das klassische „Bitte“.
Natürlich legt niemand jede Floskel auf die Goldwaage. Ob die Bedienung ihren Job wirklich liebt oder gerade Ärger mit der Chefin hat, interessiert den Gast nicht. Doch der schleichende Wandel vom „Bitte“ zum „Gerne“ verrät mehr als nur eine sprachliche Mode – er spiegelt einen Wandel in unserer gesellschaftlichen Haltung.
Was ist geschehen?
Von der Bescheidenheit des „Bitte“…
Werfen wir einen Blick zurück. Bisher entgegnete man auf einen Dank mit „Bitte“, „Bitteschön“, „Bitte sehr“, – bei größeren Gefallen auch mit „Gern geschehen“ oder gar „Keine Ursache“. Wer den Salzstreuer gereicht hatte, sagte allenfalls „Bitte“ oder auch nichts.
Das „Bitte“ (und noch deutlicher das saloppe norddeutsche „Da nich‘ für“) folgt der alten europäischen Bescheidenheit. Es wehrt den Dank ab. Die Botschaft: „Nicht der Rede wert, das ist doch selbstverständlich.“ Damit schließt sich der Kreis „Gefallen – Dank – Antwort auf Dank“ auf einer sachlichen Ebene.
… zum herablassenden „Gerne, kein Problem“
Das moderne „Gerne“ bricht mit dieser Tradition. Sprachlich wohl vom „Gern geschehen“ abgeleitet, kommen damit die Gefühle des Gebers ins Spiel. Statt den Dank bescheiden abzuwiegeln, wird er angenommen und emotional aufgeladen. Wer „Gerne“ sagt, betont ungefragt: „Ich habe das aus eigenem Antrieb getan, und es hat mir Freude bereitet.“
In unserer Zeit der Individualisierung und Emotionalisierung soll dies ein Zeichen setzen. Gefälligkeit entspringt nicht nüchterner Höflichkeit oder gar Pflichtgefühl. Ich, das Individuum, habe mich zu der Handlung entschieden, die den Dank ausgelöst hat. Dies hat häufig etwas Herablassendes.
Im Marketing wird das Personal längst darauf geschult. Das „Gerne“ statt des nüchternen „Bitte“ soll eine emotionale Brücke zum Kunden bauen. Das scheitert aber besonders deutlich im Fall der missgelaunten Kellnerin und wendet sich ins Gegenteil.
Das „Gerne“ ist zwar deutschen Ursprungs, doch in seiner Verwendung als Standardantwort verrät es den kulturellen Import aus der amerikanische Service-Mentalität („Service with a smile“, „My pleasure“), die hier die nüchterne deutsche Pflichterfüllung („Bitte sehr“) ablöst. Der Dank wird nicht mehr abgewehrt („War doch nichts“), sondern positiv verstärkt („Ich wollte das für dich tun“).
Noch deutlicher wird diese Verstärkung, wenn der Dank mit der auch in anderen Ländern immer beliebter werdenden Floskel „Kein Problem“ pariert wird. Individualisierung und Gefühlsbetonung werden hier zur grenzwertigen Ichbezogenheit.
Betrachten wir ein Beispiel. Ich frage nach dem Weg zum Bahnhof. „Da vorne rechts und dann an der Kreuzung links“, erklärt mir jemand. Ich danke und erhalte „Kein Problem“ zur Antwort.
Wie kommt der Auskunftgeber auf den Gedanken, ich könnte fürchten, ihm mit meiner Frage ein „Problem“ bereitet zu haben? Das scheint mir doch auf ein höchst zerbrechliches Seelen- und Gefühlsleben hinzudeuten. Muss man im Gewühle der fremden Stadt, in der Schlange vor dem Eiscafé oder beim Einkaufen jede alltägliche Frage auf Gefühlsauswirkungen abklopfen?
Was hinter Floskeln steckt
Man wird einwenden, das seien doch inhaltsleere Formeln und niemand dächte sich etwas dabei. So einfach ist es aber nicht. Zwar stimmt es, über solche Floskeln pflegt man vor Gebrauch nicht nachzudenken. Aber gerade deswegen, weil sie nicht dem Nachdenken, sondern dem Gefühl entspringen, sind sie ehrlich. Und diese Ehrlichkeit zieht den Schleier und enthüllt das Wesen der Floskel. Wer sie verwendet, dem geht es um das Ich und gerade nicht um eine emotionale Brücke zwischen den Menschen.
Da hätten wir es doch lieber wie früher: nüchterner. Nicht nur, sondern vor allem auch, wenn der Kaffee auf der Untertasse landet.
