
Robert Lembke war mit seiner Sendung Was bin ich? Ein heiteres Beruferaten jahrzehntelang fester Bestandteil der deutschsprachigen Fernsehunterhaltung. Ich habe mir einige Folgen aus den Jahren 1965 bis 1967 wieder angeschaut und dabei nicht nur einen Blick zurück in meine Kindheit, sondern in eine andere Welt getan.
Zu Beginn der Sendung lief eine beschaulich-langweilige Musik, die sich aber im Ohr festsetzte. Das Studio glich einem Theatersaal, mit einer erhöhten Bühne und einem davorliegenden Zuschauerraum nach dem Guckkastenprinzip. Die Besucher saßen auf nach oben aufsteigenden Rängen, ihr Blick richtete sich nach vorne. Vorhänge unterstrichen die theaterartige Atmosphäre.
Heute sitzt das Publikum in Fernsehstudios im Kreis um das Geschehen herum. Die Handlung, derentwegen sie gekommen sind, findet in der Mitte statt. Brennende Scheinwerfer beleuchten das zentrale Geschehen.
Die gegenwärtige Praxis entspricht also der jahrtausendealten Anordnung urzeitlicher Kultstätten. Der Stamm sitzt in weitem Kreis um das lodernde rituelle Feuer herum und verfolgt die kultischen Handlungen des Medizinmanns in der Mitte, der an kranken oder besessenen Stammesmitgliedern durch Anrufung der Geister seine zauberischen Heilkräfte ausübt. Die Anwesenheit des Stammes ist wesentlich. Ein Medizinmann hat nur Macht, wenn der Stamm angesichts seiner ekstatischen Zeremonie angstvolle Schauder empfindet.
Beim Studiogast ist dies allerdings anders. Er ist das Medium, das den Fernsehzuschauern Nähe und die Gewissheit vermitteln soll: Ich lasse mich nicht nur aus der Ferne unterhalten. Es lohnt sich, bei diesem Ereignis dabei zu sein.
Zu Lembkes Zeiten war das Studiopublikum zurechtgemacht, wie man sich eben für einen Theaterbesuch rüstete: Während heute männliche Studiobesucher als einheitliche Kleidungsstücke T-Shirt und Jeans bevorzugen, kamen damals die Herren sämtlich mit Anzug und Krawatte ins Studio, manche im „Straßenanzug“, wie man sagte, also dem Anzug, den man tagsüber z. B. auch im Büro trug. Andere hatte sich fein gemacht und trugen einen dunklen Anzug mit Einstecktuch. Die Damen, auch heutzutage etwas einfallsreicher gekleidet als die Herren, trugen Kleid oder Kostüm mit Brosche.
Auffallend ist, wie sich die Reaktion des Publikums im Laufe der Jahrzehnte verändert hat. Freundlicher Beifall ertönte, als die 1965 allen Zuschauern bekannte Volksschauspielerin Heidi Kabel als Ehrengast (ein schönes Wort; wie man heute wohl sagen würde?) die Bühne betrat. Robert Lembke begrüßte sie mit Handkuss.
Mir erschien beim Zusehen der Beifall als nicht besonders stark. Wir sind doch lautes Klatschen, Zurufe und auch derbere Gefallensbekundungen wie Pfeifen, Johlen und Trampeln gewohnt.
Das Rateteam aber – von Lembke als Kollegium bezeichnet – hatte ein feines Ohr, nicht nur, weil die Augen mit einer Maske bedeckt waren. Schon die erste Frage zeigte, man hatte anhand des – aus meiner heutigen Sicht mäßigen – Beifalls wahrgenommen, dass es sich um eine sehr bekannte Person handeln müsse.
Auch im Jahr 2026 gibt es schlechte Gesangsdarbietungen im Fernsehen. Aber heutzutage, auch das muss gesagt sein, hätte man der Zuhörerschaft die peinliche, amateurhafte Gesangseinlage Heidi Kabels am Ende der Sendung erspart.
Bei einer anderen Sendung war Heinz Rühmann der Ehrengast. Da hätte, so sollte man meinen, der Saal toben müssen. Nichts davon. Im Jahr 1966 tritt einer der größten Filmstars der letzten 35 Jahre auf, ein Superstar nach heutiger Redeweise, der Publikumsliebling schlechthin – und der Begrüßungsapplaus? Er mag noch etwas freundlicher als bei Heidi Kabel gewesen sein, vielleicht hörte man auch eine einzelne Stimme im Hintergrund etwas rufen, aber unter frenetisch pflegt man etwas anderes zu verstehen.
Aber auch hier hatte das Rateteam ein feines Ohr. Von den für Rühmann vorgesehenen edlen Pfeifen als Präsent für jede mit einem Nein beantwortete Frage konnte keine einzige überreicht werden. Rühmann war in Nullkommanichts entlarvt und auch die vier maskierten Beruferater konnte sich somit ihrer Larven schnell wieder entledigen.

Im anschließenden Gespräch mit Rühmann blieben Pointen ohne Zwischenapplaus. Man lauschte andächtig, vielleicht sogar ergriffen. Zwischen Lembke und Rühmann wurden keine Phrasen ausgetauscht, es fand wirklich ein Gespräch statt.
Meine Lieblingsszene vom 27.6.1967 sei noch skizziert, diese auch damals schon ein Gruß aus einer untergehenden Welt: Der Auftritt des österreichischen Gerbermeisters Camillo Kölblinger. Ein stattlicher, selbstbewusster Handwerksmeister mit Schnurrbart und einer schwungvollen Unterschrift, die kurz darauf zu der Frage führte, ob er Künstler sei. Er betrat die Bühne mit einer leichten Verneigung und machte bei Handschlag und Begrüßung durch Robert Lembke einen schönen „Diener“, wie man früher sagte, was bei ihm aber überhaupt nichts Unterwürfiges hatte. In fünfter Generation führte er seinen Handwerksbetrieb und berichtete stolz von Sohn und Enkel, die die Tradition fortsetzen würden. Dies scheint gelungen zu sein, die Gerberei Kölblinger in Nußdorf am Attersee besteht noch, jetzt in siebenter Generation.
Was mich neben diesem gesunden Handwerkerstolz am meisten beeindruckt hat, ist, wie sich der Mann im Gespräch mit Robert Lembke gab. Ein Mann, von dem man annehmen darf, dass er die übliche Ausbildung mit acht Jahren Volksschule, anschließender Lehre und späterer Meisterprüfung durchlaufen hatte. Dieser Bildungsgang führte dazu, dass er sich druckreif in ganzen Sätzen und klarer Sprache auszudrücken vermochte. Ein Genuss, wenn man dies mit dem Genuschel und Gestammel vieler vermeintlich Gebildeter vergleicht, deren aktiver Wortschatz die Zahl 500 nicht zu übersteigen scheint. Kölblinger stand schon, war bereits verabschiedet, hatte aber das Publikum im Saal völlig im Griff. Charmant brachte er seine Bitte vor, noch einige Grüße sagen zu dürfen. Diese gingen dann neben der Familie an die Kegelbrüder und die Tarockrunde. Das Publikum lachte herzlich.
Eines hat die Jahrzehnte überdauert: Tiere kommen immer gut beim Publikum an. Jacky, der kleine Terrier, der „das Geld bewacht“ und die ganze Sendung döst, wird zum Schluss von Lembke auf den Schoß genommen und gestreichelt.

