Fjodor Michailowitsch Dostojewski

Fast scheint es verwegen, den Roman eines Schriftstellers zu besprechen, der Maßstäbe in der Literaturwissenschaft gesetzt hat. Viele kluge Leute haben sein Werk analysiert und Tausende von Seiten darüber veröffentlicht.

Wir dagegen backen kleine Brötchen und wollen uns nicht am pfundschweren Sauerteig literaturwissenschaftlichen Brotes verheben. Indes, ich wohne in Bad Homburg. Unsere Tourismuswerbung ist stolz auf Dostojewski und wirbt damit, dass er sich hier viermal aufhielt und dass das damalige Landgrafenstädtchen unter anderem die Bühne für die Romanhandlung darstellt. Sein Ruin beim Roulette – nun ja, dafür kann die Kurverwaltung schließlich nichts. Es ist auch schon sehr lange her und gibt dem Ganzen einen verruchten Anstrich. Laster der Hautevolée: Das kommt beim Badegast immer gut an.

Kommen wir aber zur Sache: Schon die Entstehungsgeschichte des 1866 entstandenen Romans ist es wert, erzählt zu werden.

Dostojewski hatte hohe Spielschulden. Bei seiner Abreise aus Homburg (damals noch ohne „Bad“) 1865 konnte er noch nicht einmal seine Hotelrechnung bezahlen. Um schnell an Geld zu kommen, unterschrieb er einen riskanten Verlagsvertrag.

Das Manuskript eines neuen Romans sollte dem Verleger spätestens am 1. November 1866 vorgelegt werden. Hielt Dostojewski die Frist nicht ein, blieben sämtliche Rechte an seinen bis dahin erschienenen und den zukünftigen Werken für neun Jahre beim Verlag. Man muss schon eine Spielernatur sein, um sich auf so etwas einzulassen. Aber Dostojewski war eben Spieler. Er brauchte dringend Geld und auch der Vorschuss von 3.000 Rubel lockte. Diesen verspielte er – selbstredend, möchte man sagen –, anstatt seine Schulden abzutragen.

Immerhin ließ ihm seine Spielleidenschaft noch Zeit für Kreatives, und so arbeitete er an seinem großen Werk Verbrechen und Strafe (auch bekannt als Schuld und Sühne), und zwar so konzentriert, dass er darüber fast die ablaufende Frist für das andere neue Buch vergaß. Erst im Oktober machte er sich an die Arbeit.

Freunde empfahlen ihm eine Stenographin. In Tag- und Nachtarbeit entstand das Werk. Dostojewski diktierte ins Stenogramm, und während die Stenographin dieses in Reinschrift übertrug, entwickelte Dostojewski den Roman weiter. Nach 26 Tagen und gerade noch innerhalb der Frist, war das Manuskript fertiggestellt. In übler Absicht, um eine rechtzeitige Übergabe zu verhindern, war der Verleger aus Sankt Petersburg abgereist und von der Bildfläche verschwunden. Die Stenographin war es, die die Idee hatte, das Manuskript bei einem Notar zu hinterlegen. So geschah es dann auch, nur wenige Stunden vor Fristablauf.

Dostojewskis Existenz war damit gerettet. Eine Woche darauf machte er der 20-jährigen Stenographin Anna Grigorjewna Smitkina einen Heiratsantrag. Drei Monate später heiratete sie den 25 Jahre älteren Dostojewski und durchlitt danach ein vierjähriges Martyrium an der Seite ihres von seiner Spielsucht völlig gefangengenommenen und zu literarischer Arbeit nicht mehr fähigen Mannes. Nach Stationen in Baden-Baden, der Schweiz und Homburg erlebte Dostojewski in Wiesbaden seinen endgültigen Absturz. Völlig verzweifelt schrieb er seiner Frau und versprach ihr hoch und heilig, nie wieder zu spielen. Das Ehepaar kehrte nach Russland zurück und Dostojewski hielt für den Rest seines Lebens das Versprechen. Anna unterstützte ihn. Mit ihrer Hilfe und dank seiner literarischen Arbeit konnte er seine Schulden tilgen.

Es musste schnell gehen beim Schreiben. Kein Wunder also, dass die Romanhandlung nicht so vielschichtig komponiert ist wie in anderen Werken Dostojewskis. Insbesondere bleibt die Zahl der handelnden Personen überschaubar. (In einer Ausgabe von Dostojewskis Der Jüngling beispielsweise umfasst die Liste der handelnden Personen 118 Namen!).

Jetzt aber zum Inhalt: Die Hauptfigur, Alexej Iwanowitsch, ist als Hauslehrer für die Kinder des pensionierten Generals Sagorjanski angestellt, der hohe Schulden hat und auf das Versterben seiner reichen Tante hofft, um sich durch die Erbschaft zu sanieren. Alexej liebt Polina, die Stieftochter des Generals. Doch auch andere, besser gestellte Verehrer machen ihr den Hof. Alexej ist bereit, alles für sie zu tun, aber er findet, sie spiele nur mit seinen Gefühlen. Allenfalls gelegentlich kommt es zu einem freundschaftlichen Gespräch.

Statt des ersehnten Telegramms mit der Todesnachricht trifft die Tante selbst in Deutschland ein. In der Stadt Roulettenburg, wo sich der General mit seiner Entourage aufhält, lernt die Tante das Glücksspiel kennen, das sie nicht mehr loslässt. In wenigen Tagen verspielt sie beim Roulette ein gewaltiges Vermögen und reist anschließend wieder nach Russland zurück. (Die Tante scheint übrigens der Gräfin Kisseleff nachempfunden zu sein, nach der heute die zur Spielbank führende Straße benannt ist. Sie war eine exzessive Spielerin, konnte ihre Verluste aber auch deswegen verkraften, da ihr Anteile an der Spielbank gehörten.)

Während Alexej zunächst nicht durch Spielsucht auffällt, da ihm hierfür die Mittel fehlen, werden im Verlauf der Handlung das Roulette und die Psychologie des Spielers anhand der Figur der Tante fein aufgefächert.

Vier Fünftel des Textes hat man schon gelesen, dann kommt eine große Wende und die restliche Handlung wird zügig weitererzählt. Fast möchte man meinen, Dostojewski sei wegen des nahenden Fristablaufs zu der Einsicht gelangt, er könne nicht wie bisher gemächlich weitererzählen, sondern müsse zum Ende kommen.

Um jemandem zu helfen, soviel sei verraten, geht Alexej zum Roulette. Er setzt sein Geld, in der Gewissheit, es beim Spiel bis zum notwendigen Betrag vermehren zu können. Tatsächlich hat er Erfolg. Im Verlauf eines Abends in der Spielbank verzehnfacht er seinen Einsatz und kehrt als reicher Mann ins Hotel zurück. Spätestens hierdurch ist er zum Spieler geworden. Das Geld gibt er jedoch nicht für den Zweck aus, wegen dessen er losgezogen ist. Er verliert es auch nicht beim Spiel. Trotzdem hält es nicht lange vor.

Dostojewski schildert bereits beim Roulettespiel der Tante die Denkweise eines Spielers sehr genau. Noch feiner wird die Psychologie Alexejs aufgegliedert. Er gibt sich der Illusion hin, man könne beim Glücksspiel etwas steuern, sei es durch Logik oder durch Willenskraft. Was den Spieler eigentlich bewegt, wird dem Leser allmählich klar. Es ist nicht der Gewinn, sondern der Rausch des Risikos, der ihn antreibt, sondern, wie man heute zu sagen pflegt, der Adrenalinkick, wenn die Kugel rollt und alles offen ist.

Ein englischer Freund, Mr. Astley, sagt Alexej die Folgen der Spielsucht auf den Kopf zu: die emotionale Abstumpfung, die Isolierung des Spielers, den Verlust des Interesses an anderen und daran, was auf der Welt vorgeht. Es gibt für ihn nur einen Leitsatz: Morgen, wenn ich alle Verluste wiedergewonnen habe, höre ich auf. Morgen wird alles besser.

Der Blick ins Innere der beiden Spieler, Tante und Alexej, ist tief und ehrlich. Ehrlich insofern, als der Spieler Dostojewski durch den Blick in das Innere Alexejs auch sein eigenes Innenleben offenlegt. Alexej zweifelt an dem, was er tut, aber letzten Endes will er dasjenige glauben, was alle Spieler antreibt: Beim nächsten Spiel, spätestens aber morgen, werde sich, innerhalb einer Stunde, alles zu seinen Gunsten wenden. Willenskraft und System würden die Bank besiegen.

Bei Dostojewski dauerte es noch vier Jahre, bis aus Zweifel endlich Einsicht wurde. Bei Alexej – nun, lesen Sie selbst, es lohnt sich und erfahren Sie, wie es mit Spiel und Liebe weitergeht.


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