„Gib dem Onkel Doktor schön die Hand!“

So hieß es in der Kindheit, denn das war der Brauch. Lang ist’s her. Machen wir einen Zeitsprung:

Es war nach dem Fall der Mauer. Der Inhaber eines metallverarbeitenden Betriebs klagte mir sein Leid. Er hatte eine größere Anzahl von Mitarbeitern aus den damals sogenannten „Neuen Bundesländern“ eingestellt. Doch von der allgemeinen Aufbruchsstimmung damals war im Unternehmen nichts zu spüren. Das Betriebsklima war frostig und die Stimmung in der Fertigungshalle schlecht. Das änderte sich erst, nachdem sich der Chef entschlossen hatte, mit den Leuten zu reden, um der Sache auf den Grund zu gehen. Die Ostdeutschen klagten, die westdeutschen Kollegen seien überheblich und könnten sie nicht leiden. Sie gäben ihnen nicht einmal die Hand.

In der DDR hatte sich der Brauch erhalten, dass sich die Arbeitskollegen morgens mit Handschlag begrüßten und am Feierabend ebenso verabschiedeten. In Karlsruhe dagegen gab es kein „Guten Morgen Werner“, verbunden mit einem kollegialen Händedruck, allenfalls ein gemurmeltes „Hallo“.

Der „altTeutsche“ Händedruck

Es soll hier keine Kulturgeschichte des Händedrucks aufgerollt werden, dessen Anfänge weit zurückliegen. Es ist jedoch interessant, welche Veränderungen es in dieser Hinsicht in den letzten Jahrzehnten gegeben hat.

Von Rohr belehrt seine Leser außerdem, am Rande sei es bemerkt, es sei „wider den Wohlstand [Anstand], im Führen ein Frauenzimmer die Hände zu drücken.“ Dies könnte als heimliche Liebeserklärung aufgefasst werden.

Kulturell hat der Händedruck vor allem für die Emanzipation des Bürgertums im 19. Jahrhundert Bedeutung. Verneigungen und andere Förmlichkeiten des Adels waren nicht Sache eines selbstbewusster werdenden Bürgertums. Gerade im deutschen Kulturraum wurde der angemessene, feste Händedruck, mit dem auch ein Handel besiegelt wurde, zum Zeichen von Ehrenhaftigkeit und Anständigkeit – und entwickelte sich so zur allgemeinen Begrüßungs- und Verabschiedungsgeste. Die „altTeutschen Ceremonien“ lebten also nicht nur fort, sondern erblühten sogar.

Etikette des die Hände-Reichens

Trotzdem war das Reichen der Hände nicht beliebig. Die ranghöhere oder ältere Person eröffnete die Geste, und es war die Frau, die entschied, ob sie einem Mann die Hand reichen wollte. Gegenüber höhergestellten Personen wartete man ab, ob ein Händedruck angeboten wurde. Der Händedruck war also nicht nur ein Zeichen gleichrangiger Verständigung, sondern hatte auch hierarchische Aspekte.

Einen deutlichen Bruch im Gebrauch des Händeschüttelns gab es in der NS-Zeit. Der Hitlergruß verdrängte in offiziellen Situationen und oft nicht nur dort das Händeschütteln. Nach dem Krieg gewann der Handschlag als zivile und demokratische Geste der Gleichheit wieder an Bedeutung.

Hinweg mit den Konventionen – mein Körper gehört mir

Der Rückgang der Gewohnheit, einander die Hand zu reichen, lässt sich seit mindestens sechzig Jahren beobachten. Soziologen haben dafür eine Reihe plausibler Gründe ausgemacht. Mit einem gestiegenen Hygienebewusstsein hat dies übrigens nichts zu tun.

Die Begründung liegt vielmehr darin, dass unsere Gesellschaft informeller geworden ist, Konventionen öfter abgelehnt und Etikette gelockert wurden. Zudem suchen sich verschiedene Milieus stärker von anderen Gruppen der Bevölkerung abzugrenzen. Eine Rolle wird auch eine stärkere Internationalisierung spielen.

Schließlich wird der Körper bereits seit mehreren Jahrzehnten stärker als persönliche Grenze verstanden. Berührungen, selbst ein Händedruck, werden nur einem ausgewählten Kreis von Personen zugestanden. Dann erfolgt die Berührung allerdings oft in Form einer Umarmung.

Meine Beobachtung ist, dass im privaten und sogar im etwas formelleren Umgang anstelle des halb persönlichen und halb formellen Berührungsrituals des Händedrucks im Abstand von zwei Armeslängen ein verkrampftes Winken mit der flachen rechten Hand auf Höhe der Brust erfolgt. Das Gegenstück ist eine Umarmung dergestalt, als sähe man sich nach einer geglückten Weltumsegelung voller Fährnisse wieder. Dieser umschlingenden Einverleibung kann man sich kaum entziehen, wenn man nicht als völlig steif oder verknöchert gelten will. Ob dies allerdings noch viel mit Respekt gegenüber der umarmten Person zu tun hat, kann man in Frage stellen.

Der bekannte äthiopische Prinz Asfa-Wossen Asserate schreibt in seinem Buch „Manieren” treffsicher über diese Umarmungen, die heutzutage auch unter Männern vorkommen und früher ein typisches Anzeichen des kommunistischen Protokolls der alten Herren aus den Warschauer-Pakt-Staaten waren. Wir alle haben das Bild vor Augen, wie sich Honecker und Breschnew auf den Mund küssen.

Häufig heuchlerisch ist das im Mittelmeerraum seit jeher bekannte und jetzt auch bei uns von Süddeutschland nach Norden vorgedrungene „Bussi-Bussi“. In der Regel handelt es sich dabei nur um eine Wangenberührung auf beiden Seiten – schließlich ist man sorgfältig geschminkt – als ritueller Kuss. Dies wird gerne mit aufgeregtem Getue verbunden, verbunden mit der Betonung, wie schön es sei, dass man sich sehe. Von außen betrachtet hat man öfter den Eindruck, die sich Begrüßenden würden sich eigentlich am liebsten die Augen auskratzen. Dann wäre eine Begrüßung ohne Körperkontakt doch die bessere Lösung.

Immerhin ist es erfreulich, dass sich alberne Begrüßungsrituale wie das Aufeinanderstoßen der Fäuste, wie der Gruß zweier Boxer im Ring, oder das völlig dämliche Berühren mit den Ellbogen nach Beenden der Corona-Pandemie nicht durchgesetzt haben. Indessen zeigt sich daran, wie bedeutsam solche Rituale für uns sind.

Ein Arzt sagte mir vor einigen Tagen, dass er erst in letzter Zeit aufgehört habe, seinen Patienten die Hand zu geben. Hygienische Gründe waren nicht ausschlaggebend. Das Händeschütteln sei ihm zu gedanken- und bedeutungslos vorgekommen.

Das kann jeder halten, wie er mag. Ich stelle mir vor, das Bedürfnis nach Formalität im menschlichen Zusammenleben wird wieder zunehmen. Vielleicht wird es völlig neue Formen hervorbringen. Man beobachte nur männliche Jugendliche auf der Straße bei der Begrüßung.

Bis dahin bleibt es uns allen unbenommen, jeden, den wir möchten, mit einem aufrichtigen Händedruck zu begrüßen oder zu verabschieden.


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