
Es war Mitte der neunziger Jahre: Ein Mann in den Vierzigern, beruflich erfolgreich und Vater zweier Kinder, äußerte sich zur damaligen Jugend. Als Frisur trug er, von zwei, kaum wahrnehmbaren, Geheimratsecken abgesehen, noch den gleichen Pilzkopf, den er sich wohl vor dreißig Jahren seinen Eltern gegenüber ertrotzt hatte. Sein Auftritt war selbstsicher. Seine erkennbare Selbsteinschätzung war die eines nonkonformistischen, toleranten Mannes, der sein Rebellentum immer noch nicht ganz abgelegt hatte, und mit der überlegenen Miene dessen, der weiß, wo es lang geht, auf das Alte, Verstaubte und Überwundene blickte.
Das Gespräch kam auf Kurzhaarfrisuren, die damals bei jungen Männern sehr in Mode waren. Seine Meinung hierzu ist mir im Gedächtnis geblieben: „Wenn mein Sohn auch so kurzgeschoren nach Hause kommt, dann kann er ‘was erleben!“
Diese Anekdote kam mir in den Sinn, als ich neulich abends eingeladen war. Eine Mutter erzählte von der Freundin ihrer achtzehnjährigen Tochter. Jene hatte seit einem halben Jahr einen Freund, mit dem sie sich, so hatte sie sich ihrer Freundin anvertraut, aber noch in der „Kennenlernphase“ befand. Weitere Details teilte die Mutter uns nicht mit, aber man durfte verstehen, der junge Mann und seine Freundin waren noch nicht intim. Sie bemängelte Mut und Vertrauen bei dem jungen Paar, sprach vom Zerreden der Beziehung.
Unter den Gästen entspann sich eine lebhafte Diskussion. Mit spöttischem Unverständnis über das Verhalten der jungen Leute und glänzenden Augen beim Schwelgen in Jugenderinnerungen wurde erörtert, wieviele Jugendliche heutzutage mit achtzehn oder neunzehn Jahren noch nie Geschlechtsverkehr hatten. Man müsse ja nicht gleich am ersten Abend miteinander ins Bett hüpfen, drei Wochen des Kennenlernens dürften es schon sein, aber ein halbes Jahr?
Der Trennungsschmerz kam zur Sprache. Natürlich, von Beziehungen mit Menschen, die man im Grunde überhaupt nicht kennt, kann man nicht viel erwarten. Man zieht nicht gleich beim ersten Versuch das große Los und gerät an jemanden, mit dem man es länger aushält. Bei der ersten Trennung sei es noch schrecklich gewesen, bekannte eine Teilnehmerin in der Gesprächsrunde. Danach sei es aber danach von Mal zu Mal erträglicher geworden. Der Brauch der „Kennenlernphase“ traf auf ein ähnlich interessiertes Verständnis in der Runde wie ein Bericht über Heiratsbräuche bei den Naturvölkern in Neu-Guinea oder die ewige Profess jungfräulicher Nonnen.
So hat wohl jeder die Gewissheiten seiner Jugendzeit mehr oder weniger verinnerlicht und bewahrt.
Ich kann der „Kennenlernphase“ durchaus etwas abgewinnen. Sie mag mit Angst vor dem Schmerz des Verlassenwerdens zu tun haben, also Zeichen fehlenden Muts und mangelnden Vertrauen sein; eine Bremse, die davon abhält, sich ganz auf einen anderen Menschen einzulassen. Vielleicht ist sie auch Ausdruck einer Entscheidung des Verstandes, der den Gefühlen Grenzen setzt. Das scheint die Mutter, die hiervon berichtete mit dem „Zerreden“ gemeint zu haben. Aber zeigt sich in der „Kennenlernphase“, der jeder jugendliche Überschwang zu fehlen scheint, nicht ein Anzeichen menschlicher Reife?
Andersherum gesagt: Wenn zwei übereinander herfallen, die sich nicht kennen, womöglich gleich in der Toilette des Clubs, wo man gerade eben den Kontakt geknüpft hat, dann hat dies etwas Animalisches. Auch das steckt im Menschen. Als Kulturwesen zeigt er sich aber in der Kennenlernphase. Irgendwann endet sie. Dann merkt man, ob man mit Zitronen gehandelt hat oder sich auf jemanden wirklich einlassen kann.
