Was ist ein Abenteuer?

Reinhold Messner äußerte sich einmal im Fernsehen zum Thema „Abenteuer“. Heutzutage gelte es schon als ein Abenteuer, seinen Partner zu betrügen. Der Mensch in der Standardausgabe verstand: Für den berühmten Bergsteiger und Abenteurer waren die Erschütterungen im Leben der Durchschnittsmenschen nur Kinkerlitzchen.

Nach der ursprünglichen Wortbedeutung ist ein Abenteuer schlichtweg etwas, was auf einen zukommt, einen ereilt. Das Element des Erregenden, oft mit Wagnis Verbundenen, bekam das Wort erst im Mittelalter. Heute, und da gehe ich noch über Reinhold Messner hinaus, hat der in jedem Ferienprospekt aufgeblähte Gebrauch des Wortes dem „Abenteuer“ seinen Reiz genommen.

Gibt es für uns heute noch Abenteuer?

Ich finde, auch im Zeitalter des Massentourismus auf den Mount Everest und abseits der partnerschaftlichen Untreue erwarten uns noch Abenteuer. Denn dafür braucht es nur zweier Voraussetzungen. Zum einen geht man entweder, wie Reinhold Messner, bewusst ein Wagnis ein, oder man wird von einem Ereignis überrascht. Zum anderen ist es notwendig, dass der Erlebende das Ereignis als erregend oder bedrohend empfindet.

Schon hat man ein Abenteuer, ganz gleich, ob Außenstehende diese Meinung teilen oder gar darüber lächeln. Ein Abenteuer findet im Inneren des „Abenteurers“ statt. Was Reinhold Messner eine Expedition ohne Sauerstoff auf einen Achttausender ist, bei der er zwei abgefrorene Zehen verliert, ist für den anderen bereits eine zugeschlagene Haustür mit einem innen steckenden Schlüssel. Das Abenteuer wird gar zur Katastrophe, wenn dies nachts geschieht und drinnen der Hund jault.

Abenteuer erlebt man als anstrengend, bedrückend, jedenfalls unschön, aber man erzählt sie später mit umso mehr Behagen. Hier lesen Sie meine Abenteuer im französischen Zentralmassiv. Bitte urteilen Sie selbst.

Der gesperrte Bergpass

Das erste Abenteuer gehört zur Gattung der bewusst eingegangenen Wagnisse.

Im November 1988 war ich im französischen Zentralmassiv unterwegs. Es lag Schnee. Am Mittag wollte ich am Waldrand ein Picknick machen, fuhr einen schmalen, asphaltierten Weg ein stückweit einen Hang hoch. Die Strecke war vereist, ich kam mit meinen Sommerreifen nicht weiter, der Wagen begann langsam rückwärts zu rutschen, das Bremsen nützte nichts. Also rutschte ich, um nicht seitwärts in die Gräben zu fallen, rückwärts einhundert oder zweihundert Meter bis zur Hauptstraße zurück. Selber schuld, werden Sie sagen, und da haben Sie recht. Was macht der Kerl auch für einen Unsinn.

Aber das war erst der Anfang des Unsinns. Nicht, dass mich dieses Erlebnis unberührt gelassen hätte. Wer steckt schon mitten im Winter gerne in einer einsamen Gegend im Graben. Beim Rutschen wusste ich auch nicht, ob ich den Wagen auf der Hauptstraße gleich zum Stehen bringen würde oder ob nicht ein vorbeifahrendes Fahrzeug einen Unfall … Nicht auszudenken!

Es ging gut. Ich fuhr weiter, mein Ziel lag auf der anderen Seite eines großen Bergmassivs. Um dorthin zu kommen, musste ich auf kurvigen Straßen einen sehr langen Umweg fahren. Hätte ich müssen, genauer gesagt. Es gab nämlich laut Karte eine Straße über einen Pass, auch kurvig, aber sehr viel kürzer. An der Abzweigung von der Hauptstraße stand ein Schild „Passstraße gesperrt“. Ich bog trotzdem ab. Nach ungefähr fünfhundert Metern, an einigen Bauernhäusern vorbei, begann der Wald. Die Straße führte leicht bergan und am Waldrand stand wieder ein Schild „Passstraße gesperrt“. Die Schneedecke auf der Straße war vielleicht eine halbe Spanne hoch und völlig unberührt. Was für ein Anblick. Der Hafer stach mich heftig. Was soll’s, sagte ich mir. Ich habe Vorderradantrieb und mit dem Gewicht des Motors auf den Reifen werden diese mich hochziehen. Also fuhr ich los.

Ich kam ganz gut vorwärts. Weiter oben lag etwas mehr Schnee; es gab auch einige Verwehungen, aber die Reifen griffen tatsächlich gut und zogen mich bergan. Hinter jeder Kurve erhoffte ich die Passhöhe. Aber sie kam und kam nicht. Es war ein trüber Tag und allzu lange würde es nicht mehr hell bleiben. Als ich an einer Stelle den Schnee, den der Wind zusammengeblasen hatte, wirklich nur noch mit Mühe durchfahren konnte, siegte endlich die Vernunft, die mich schon die ganze Zeit zum Umdrehen hatte bewegen wollen. Gut, ich fahre zurück. Aber nein, nur noch diese Kurve da hinten, wenn dann die Passhöhe nicht auftaucht, mache ich kehrt. So ging das vielleicht noch zweimal. Endlich war in der Ferne die Passhöhe auszumachen. Die Gegend hier oben war unbewaldet und der Wind hatte den Schnee teilweise völlig von der Straße weggeweht.

Da waren plötzlich Soldaten …

Nach einer Kurve auf dem Plateau sah ich unvermittelt am Rande der Straße Militärfahrzeuge. Soldaten liefen hin und her. Ich bekam einen Schreck. Das sind bestimmt Gebirgsjäger, Elitesoldaten, mit denen man besser keinen Ärger bekommt. Die Männer schauten mir verwundert nach. Einer schien Anstalten zu machen, durch den Schnee auf mich zuzustapfen. Ich tat unbeteiligt, blickte geradeaus und setzte mit einem tiefen Ausatmen meine Fahrt fort.

… und eine verspätete Einsicht

Jetzt kam die Abfahrt. Und mit dieser, sehr verspätet, kam die Einsicht. Denn erst jetzt wurde mir klar, was vor mir lag. Bei starkem Gefälle würde es mir nichts mehr nützen, dass die Sommerreifen gut hinaufgezogen hatten. Wenn ich ins Rutschen käme, würde ich den Wagen nicht mehr halten können und – diesmal vorwärts – an einem Baum landen. Die Abfahrt lag an der Westseite. Hier war mit noch mehr Schnee zu rechnen.

Bei dieser Erkenntnis rutschte mir das Herz in die Hose. Dort brauchte es nicht viel Platz, denn es war, bei Beginn der Fahrt noch groß und trutzig pulsierend, kläglich, geschrumpft und nur noch walnussgroß.

Ich fuhr so langsam und übervorsichtig, dass es mir vorkam, als würde ich, Fuß direkt vor Fuß gesetzt, die Abfahrt hinunterschleichen. Die Kupplung roch schon verdächtig und jedesmal, wenn das Gefälle stärker wurde, zog ich hörbar die Luft zwischen den zusammengebissenen Zähnen ein. Die Abfahrt wollte und wollte kein Ende nehmen.

Es war schon längst dunkel als ich, mit heftig verspanntem Kiefer und Nackenmuskeln hart wie Drahtseile, im Tal ankam. Wieviel länger der Weg über die „Abkürzung“ war, darüber machte ich mir keine Gedanken mehr. Am Ende zählte nur noch die Ankunft ohne Zwischenfälle. 

Dies war für mich ein Abenteuer. Eines, das ich gesucht hatte, es war mir nicht unwillentlich widerfahren. Ein Abenteuer, das ich oft und, das gebe ich zu, mit einigem Stolz erzählt habe, denn, trotz Leichtsinn und Unvernunft, hatte es auch mit der Überwindung von Angst zu tun.

Zwei Bergpässe im Zentralmassiv

Was folgte, hatte ich nicht erwartet und schon gar nicht gesucht, aber für mich war es wieder ein Abenteuer, wie seinerzeit die Fahrt über den gesperrten Pass. Kaum war ich losgefahren, begann es zu nieseln. Ich fuhr von einer Kurve in die nächste, der Hunger meldete sich und ich freute mich auf mein Abendessen. Noch anderthalb Stunden Fahrt, meldete die Navigation. Der Regen wurde stärker, die Kurven führten immer höher, die Außentemperatur sank und allmählich wurde der Regen zu Schneeregen. In neunhundert Metern Höhe fielen dicke Flocken, es herrschte ein wildes Schneetreiben bei starkem Wind und die Straße war im Nu mit Schnee bedeckt. Minus ein Grad zeigte die Temperaturanzeige. Sie denken jetzt, der Erzähler ist ja älter und reifer geworden, er hatte diesmal doch bestimmt gute Winterreifen aufgezogen. Nun, das damalige Erlebnis steckte so tief in mir, dass ich die letzten fünfundzwanzig Jahre nur Fahrzeuge mit Allradantrieb gefahren und stets auch Winterreifen montiert hatte. Mein aktueller Wagen hingegen wurde nur von einer Achse angetrieben und hatte, noch vom Vorgänger, nur Ganzjahresreifen montiert.

Im Schneetreiben

Die Steigungen nahmen kein Ende. Nur selten kam mir ein Auto entgegen. Vor mir lag, soweit ich sie überhaupt erkennen konnte, eine Fahrbahn mit einer unberührten Schneedecke. Heftige Windböen pfiffen und rüttelten am Wagen, aber der Schnee auf der Straße blieb liegen. Mir wurde mulmig. Wenn ich jetzt vom Weg abkomme und in den Graben fahre, kann ich die Nacht im Auto verbringen, weit und breit keine Siedlung, kein Haus. Als ich einen Pass mit über eintausendeinhundert Metern überquert hatte, hoffte ich auf Talfahrt und Regen bei steigender Temperatur. Aber dieser Pass war nur der Vorgeschmack gewesen.

Jetzt ging es noch einmal steil hoch. Der Wind hatte nachgelassen, dafür führte mich mein Weg immer öfter in Wattebäusche dichten Nebels. Statt der federnden Wirkung echter Watte erwartete mich in meiner Vorstellung freilich eher ein harter Aufprall auf einem verborgenen Hindernis. Längst fuhr ich nur noch im Schneckentempo. Viertelstunde um Viertelstunde schob mir die Navigation die Ankunftszeit nach hinten und ich hatte den Eindruck, als einziger auf der Straße unterwegs zu sein. Mehrmals riss ich das Lenkrad erst im letzten Moment herum, weil ich den Verlauf einer Kurve nicht rechtzeitig erkannt hatte und rutschte auf die richtige Spur.

Das war noch nicht alles

Wie kam ich darauf zu denken, jetzt bekäme ich die Quittung für meinen Unsinn vor fast vierzig Jahren? Um den Stress etwas abzubauen, begann ich laut zu singen. Jetzt merkte ich auch, dass ich den ganzen Tag im Auto gesessen hatte. Ich zwang mich zur Konzentration. Endlich kam der zweite Pass in fast dreizehnhundert Metern Höhe. Danach führte die Straße bergab, ich hoffte, ein dritter Pass würde mir erspart bleiben, als der Nebel wieder dichter wurde. Ich sah buchstäblich nichts mehr und fühlte mich wie ein autofahrender Blinder. Das Weiterfahren war verantwortungslos und gefährlich, aber ich konnte doch nicht mitten auf der Landstraße stehenbleiben. Dreimal hielt ich an und stieg aus dem Wagen, um mich zu orientieren, wie die Straße weiter verlief. Dann war der Nebel plötzlich wie weggeblasen.

Mein Weg führte mich noch eine ganze Weile auf etwa eintausend Metern Höhe voran, aber Kurven und Stärke des Schneefalls ließen etwas nach. Endlich hörte es ganz auf zu schneien. Unterhalb von neunhundert Metern war die Straße schneefrei und nur noch nass.

Als ich erschöpft und hungrig in Le Puy-en-Velay ankam, war es schon tiefe Nacht. Dort fand ich schnell einen vermeintlich kostenlosen Parkplatz. Am Eingang zum Gebäude meines Appartements in der Innenstadt lungerte ein Pulk junger Männer herum, deren Geschäfte mich nichts angingen und die mich neugierig musterten. Was soll ich sagen, es wird Sie nicht wundern, dass mir diese Herren kein rechtes Vertrauen einflößen konnten. Mit fest zwischen meinen Beinen eingeklemmter Reisetasche gab ich den Zugangscode ein. Die Eingangstür blieb verschlossen und der Vermieter war in der Nacht nicht zu erreichen.

Aber das erzähle ich ein andermal.


Anmeldung zum Rundbrief

Über DerBoomer.com

DerBoomer.com ist ein Online-Magazin mit gelassener Neugier für die Generation Babyboomer. Wir schreiben über Literatur und Kultur, Reisen, Gesundheit und Ernährung, Technik leicht gemacht und gesellschaftliche Beobachtungen am Wegesrand – kritisch, gelegentlich ironisch, immer ohne Schubladendenken. Hinter dem Magazin stehen Matthias Alexander Wolf, Andrea Wolf van Wijk und Marcel Rubner. Wer mehr über die Idee dahinter lesen möchte, findet sie unter „Boomer – mehr als ein Etikett“.